Schüler geben Geschichte weiter
25.05.2012
Die Warenerin Josefine Schaub hat neben ihrer Aus- bildung beim ÜAZ fünf Wo- chen lang Besucher durch die Anne-Frank-Ausstellung in der Europäischen Akade- mie in Eldenholz geführt.
Waren."... ich denke auch, dass sich später keiner, weder ich noch ein anderer, für die Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Schulmädchens interessieren wird."
Dass ihre Erinnerungen an die gut zwei Jahre in dem engen Amsterdamer Hinterhaus, wo ihre Familie und drei weitere Juden sich vor den Nationalsozialisten versteckten, einmal Millionen Menschen auf der ganzen Welt lesen, und sie selbst zu einer Symbolfigur für die Opfer der Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches wird, konnte das Mädchen aus Frankfurt am Main 1942 nicht ahnen. Durch einen Verrat von der Gestapo verhaftet, starben sie und ihre Schwester Margot Anfang März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen, die Mutter Edith während des Transports in das Ghetto Theresienstadt.
"Es ist einfach ungeheuer wichtig, dass ihre Geschichte immer wieder erzählt wird", sagt Josefine Schaub. Deshalb hat sie sich auch sofort gemeldet, als die Europäische Akademie in Eldenholz Schüler und Auszubildende suchte, die ehrenamtlich Besucher durch die Wanderausstellung des Anne-Frank-Zentrums Berlin führen. In einem Seminar hat eine Referentin des Zentrums ihr und zwei weiteren jungen Warenern dafür das inhaltliche und didaktisch-methodische Rüstzeug mitgeben. Dank der Freistellung durch ihren Arbeitgeber, das Überregionale Ausbildungszentrum (ÜAZ) in Waren, hat die angehende Bürokauffrau mit Abstand die meisten Führungen absolviert. "19 Schulklassen, Teilnehmer unserer anderen Seminare und zahlreiche Einzelbesucher - insgesamt fast 900 Personen - haben die Ausstellung in den letzten fünf Wochen gesehen", ist Akademieleiter Andreas Handy mit der Resonanz zufrieden. 2005 hatte er die Zusammenstellung aus Fotos, Dokumenten, Zeitzeugenberichten und Hintergrundinformationen zur finstersten Epoche der Deutschen Geschichte das erste Mal an die Müritz geholt. "Inzwischen ist aber eine neue Schülergeneration herangewachsen, der wir Anne Franks Vermächtnis nahebringen müssen", sagt er.
Josefine Schaub begrüßt derweil eine neunte Klasse der Regionalen Schule Waren/West zu ihrem vorerst letzten Einsatz. Nach einer kurzen Einführung wird sie die Schüler nach einzelnen Bildern suchen, Zitate vorlesen lassen, und ihnen helfen, sich in einige der von Anne Frank in ihrem weltberühmten Tagebuch beschriebenen Situationen hineinzuversetzen. "Und sie müssen zwischendurch immer wieder über ihre Gedanken und Gefühle sprechen können", hat die junge Warenerin gelernt. Dabei habe sie während der Führungen deutliche Unterschiede in den Reaktionen verschiedener Altersgruppen bemerkt: "Die Älteren mit entsprechenden Vorkenntnissen zum Nationalsozialismus sind meist viel bedrückter, weil sie mehr über die politischen Begleitumstände wissen." Hier zeige sich ein altes Problem, sagt Andreas Handy. Im Deutschunterricht werde Anne Frank in der achten Klasse behandelt, das Dritte Reich in Geschichte aber erst in der zehnten. "Die Lehrpläne müssten da einfach besser ineinandergreifen."
Nordkurier-Waren
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