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Rassismus 2.0

Berliner Wissenschaftlerin: Fremdenfeindliche Propaganda setzt immer mehr auf vermeintlich modernes Vokabular

22.09.2010

Von Volker Voss

Dem Thema Wandlungsfähigkeit des Rassismus hat Yasemin Shooman, Lehrbeauftragte am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, in ihrer Dissertation ein ganzes Kapitel gewidmet. Am vergangenen Freitag abend präsentierte sie ihre Forschungsergebnisse auf einer Veranstaltung im Café Multi-Kulti der Pankower »Oase«. So werde seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr von Rassen gesprochen, da dies zu verpönt sei, sagte Shooman. Statt dessen werde mit unterschiedlichen Kulturen »argumentiert«. Dies laufe unter dem Motto: »Es ist doch kein Rassismus, sich mit den Kulturen auseinanderzusetzen«, so die Wissenschaftlerin. Aktuelles Beispiel: Tilo Sarrazin. Es würden wissenschaftlich unhaltbare Begriffe wie »Hierarchie der Kulturen« oder »Vermischung von Kulturen« verbreitet, die jedoch den ursprünglich offen rassistischen Theorien über die »Vermischung von Rassen« sehr nahekämen. Schließlich sei im Zuge antiislamischer Propaganda unverhohlen die Rede von »Überlegenheit der westlichen Kulturen«, »physischer Vermehrung«, »Bedrohung der europäischen Kultur«, und »Deutschland als Beuteland«.

Der Islam werde - früher waren es »die Russen« - als Feindbild präsentiert, mit dem sich leicht von den aktuellen sozialen Problemen ablenken lasse, betonte Shooman. Die sich selbst aufwertende westliche Kultur stehe demnach der als rückschrittlich dargestellten Kultur des Islam gegenüber. Negative Verhaltensweisen der »Fremdgruppe« werden meist als kollektives Verhalten beschrieben, während negative Verhaltensweisen der eigenen Gruppe lediglich als ein Abweichen von der Norm charakterisiert werden. Parolen wie »Ausländer raus« würden durch verfeinerte Begriffe wie beispielsweise »muslimischer Einwanderungstsunamie« ersetzt. Schließlich würden sowohl die Vielfalt innerhalb der muslimischen Religionen als auch die regionalen Unterschiede einfach ausgeblendet. Es werde schlicht Übereinstimmendes verdrängt, während Unterschiede betont werden. Vielmehr entstünde der Eindruck, so Shooman, Grundgedanke bei der Entstehung der islamischen Religionen sei bereits damals die Beseitigung der Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland gewesen.

Wie sehr die Wahrnehmung von Unwissenheit und Vorurteilen geprägt ist, belegt eine 2009 durchgeführte Umfrage der Universität Bielefeld zum Thema »Meinungen zum Islam und Muslimen in Deutschland und Europa«, nach der beispielsweise fast 50 Prozent der Deutschen und Italiener in ihrem Land eine islamische Übervölkerung sehen, obwohl ihr Anteil in Deutschland lediglich fünf Prozent, in Italien gar nur zwei Prozent beträgt. Ähnlich sind die Werte in anderen EU-Staaten. Widersprüchlich ist ebenfalls das Argument der Frauenfeindlichkeit in der muslimischen Kultur. Fast 80 Prozent der repräsentativ befragten EU-Bürger sind der Meinung: »Die muslimischen Ansichten über Frauen widersprechen unseren Werten.« Was sich jedoch 60 Prozent als »unsere Werte« vorstellen, entpuppt sich dann wiederum als so traditionell und rückschrittlich wie »sie sollen ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen«.

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