Geschenktüten von der NPD
In Mecklenburg-Vorpommern gehören Auftritte von Rechtsextremisten zur "Alltagskultur" - Glatzen und Scheitelträger mischen in Vereinen mit, sind bei Volksfesten dabei.
08.09.2010
Ein ganz normaler Samstag im September. In Vorpommern kann der so aussehen: Ein Infostand der NPD mit Geschenken für Kinder in Anklam, stundenlanges Flugblätterverteilen und eine Kundgebung von Neonazis in Ferdinandshof, rechte Eltern besuchen mit ihren Kleinkindern das Burgfest in Löcknitz und im Ort Viereck bei Pasewalk sprühen Rechte in Riesenschrift eine Parole an ihr neues "Begegnungszentrum" in einem ehemaligen Stallgebäude.
Anklam-Südstadt. In diesem Hochhaus-Viertel fährt die NPD unter Michael Andrejewski ihre besten Ergebnisse ein. Direkt vor der Häuserkulisse haben regionale Anführer wie Alexander Wendt und Enrico Hamisch am frühen Morgen einen breiten blauen Pavillon errichtet. Überall stehen NPD-Schilder, es gibt bunte Luftballons. Nebenan leuchtet eine rote Hüpfburg. Wie bei den Kinderfesten der Neonazis in anderen Orten hat sich der NPD-Landtagsabgeordnete Raimund Borrmann auch hier in ein leuchtend gelbes Clownkostüm gezwängt. Die Tüten mit Blöcken, teuren Stiften und Süßigkeiten für die Kinder sind gepackt. Geschenke des Landtagsabgeordneten Andrejewski an deutsche Kinder in seinem Wahlbezirk. Werbewirksam will die NPD die Diätenerhöhung von rund 350 Euro im Monat unter das Wahlvolk bringen. Die Rechnung geht auf. Etwa 30 Kinder und rund 20 Erwachsene besuchen den Stand der Neonazis. Die meisten sind auf dem Weg zum Einkaufen, freuen sich über die kostbare Geschenktüte der NPD.
Neonazi-Frauen als wirkungsvolle Eyecatcher
Auch die Frauen der regionalen Neonazis sind mit ihren Kleinkindern dabei. An Demonstrationen nehmen sie kaum teil. Hier dienen sie den Braunen als wirkungsvolle Eyecatcher. Angehörige des Arbeitskreises Demokratie und Toleranz sind seit zwei Tagen in der Südstadt unterwegs, um rund 5000 Flyer an die Haushalte zu verteilen und vor den Neonazis zu warnen. Sie bieten sich jetzt vor Ort als Ansprechpartner an. Sie verschenken grüne Luftballons. Die NPDler fordern Kinder auf, ihnen welche davon zu bringen. Dafür bekommen sie deren Geschenktüte. Bald ist der Infostand von Andrejewski voller grüner Luftballons. Eine 4-Jährige wird von ihrer Mutter zu den Gegendemonstranten geschickt. Dem Kind ist sichtlich unwohl, es sagt schüchtern: "Ich soll einen Luftballon holen, meine Mama will den kaputt machen!"
Als gegen 12.00 Uhr ein Platzregen losbricht, bauen die Neonazis ab. Über ihre Lautsprecheranlage bedanken sie sich und verkünden, dass alle Geschenke verteilt seien. Sie verschwinden in Richtung ihrer Anklamer Zentrale, einem ehemaligen Möbelkaufhaus direkt im Stadtzentrum.
Kundgebung zum Thema "Kinderschänder"
Ferdinandshof bei Ueckermünde. Seit Mittag schon gehen Anhänger des Kameradschaftsnetzwerkes Freies Pommern (früher Soziales und Nationales Bündnis Pommern) der Brüder Marko und Tino Müller von Haus zu Haus durch die Kleinstadt und verteilen Flugblätter. Sie werben für die ab 17.00 Uhr stattfindende Kundgebung ihrer Tarnorganisation "Bürgerinitiative Schöner und Sicherer Wohnen zum Thema "Kinderschänder" und für die größere Demonstration am darauf folgenden Wochenende. Hintergrund der Aktionen ist die Entlassung eines Forensik-Patienten mit Wohnsitz in Ferdinandshof.
Dem NPD-Landtagsabgeordneten Tino Müller war nach Recherchen des "Nordkurier" bereits im Frühjahr der Brief eines Mitinsassen mit "datenschutzrelevanten Angaben" in den Briefkasten geworfen worden. Die Hetzjagd gegen den 34-jährigen Ex-Sträfling begann. Ein Schild mit der Aufschrift "Hier wohnt ein Kinderschänder" tauchte neben seinem Haus auf. In der Gemeinde mit 2800 Einwohnern ist die NPD mit rund 10 Prozent die drittstärkste Kraft, noch vor der SPD. Müller sitzt dort im Gemeinderat, soll aber keine "nennenswerten Aktivitäten" entfalten. Im "Uecker-Randow-Boten" hatten seine Anhänger den Unmut gegen den Mann geschürt.
"Volkstreue Kreistagsabgeordnete" unter rotweißem Sonnenschirm
Dafür bleiben die rund 30 Nazis am Samstag bei ihrer Kundgebung in der Schulstraße unter sich. Nur ein paar Jugendliche aus dem Ort haben sich angeschlossen. Einige junge Frauen, fast alle mit Kinderwagen oder Kleinkindern an der Hand, lungern auf der anderen Straßenseite herum. Auch sie seien für die Todesstrafe, erzählen sie Regine Krüger-Finke, Mitarbeiterin des Regionalzentrums in Anklam. Eine ältere Frau dagegen betont, sie sei froh, dass diese Strafe endlich abgeschafft sei.
Vier Neonazis postieren sich mit ihrem Banner direkt an der Hauptstraße. Die "volkstreuen Kreistagsabgeordneten" Marko Müller und Marcus Neumann stehen unter dem rotweißen Sonnenschirm der Partei. Müller hält eine launige Rede. Stimmung kommt nicht auf. Tino Müller läuft umher, fotografiert eifrig Journalisten und Präventionsexperten, danach verteilt er schweigsam Flyer an die wenigen Passanten. Auf der Homepage der Neonazis heißt es später, der Landtagsabgeordnete sei dabei mit "unzähligen Ferdinandshofern" ins Gespräch gekommen - davon kann keine Rede sein. Neugierige Kinder auf Fahrrädern halten Abstand. Protest gibt es nicht, dafür aber im Vorfeld kritische Zeitungsberichte und ablehnende Statements aus der Gemeindevertretung.
Jugendtreff im ehemaligen Schweinestall
Die braunen Pommernfans würfeln sich aus unterschiedlichen Gruppen zusammen. Unter ihnen sind die "Aryan Warriors"- breitschultrig, tätowiert, ausschließlich schwarz gekleidet mit Sonnenbrillen und Glatzen - aus Ueckermünde, ein junger Mann aus Ferdinandshof trägt eine Schnellfeuerwaffe auf dem Shirt. Einige haben Shirts an mit der Aufschrift: "Todesstrafe für Kinderschänder - 0 % Rückfallquote". Auch einer von der "Bürgerinitiative Schöneres Strasburg" ist gekommen. Ein anderer trägt einen "Heimdall Berlin"-Pullover.
Ein junger Mann stellt sich als Anhänger der Ortsgruppe Borken des "Jugendbund Pommern" dar. Diese rechte Clique zählt zu den Nutzern der neuen "Begegnungsstätte" in Viereck. In einem ehemaligen Stallgebäude haben sich Neonazis niedergelassen. "Sozialabbau stoppen" haben sie in riesigen roten Buchstaben an die weiße Außenwand des langgezogenen Gebäude gesprüht. Eine Fahne in den Farben des Deutschen Reiches weht neben der Landesfahne auf dem Gelände, welches von einem hohen Zaun umgeben ist. Offiziell wird das Projekt vom Verein "Sport und Kultur Wiese e.V." betrieben. Rechtsextremismus-Experte Günther Hoffmann warnt bereits seit Monaten davor, dass Neonazis in dem Verein mitmischen. Jetzt ist einer aus deren Reihen, ein NPD-Gemeindevertreter aus Viereck, bei der Kundgebung in Ferdinandshof dabei.
Ein geplantes Konzert mit rechten Bands konnte die Polizei im März dieses Jahres verhindern. Doch der Jugendtreff im ehemaligen Schweinestall, mit Schulungsräumen und Garten, etabliert sich.
Die Rechten mischen sich unter das Volk
Im nahen Löcknitz ist Burgfest. Bereits am frühen Nachmittag haben sich die ersten Glatzen und Scheitelträger mit ihren Familien beim Fest eingefunden. Ihr Anblick schreckt hier nur wenige. Sie zählen in manchen Regionen zur "Alltagskultur". Im letzten Jahr jedoch sorgten menschenverachtende Plakate mit der Aufschrift "Polen-Invasion stoppen" und der Besuch von mehreren Dutzend Rechten beim Burgfest für Unruhe in der Grenzstadt. Polizei ist an diesem Nachmittag nicht zu sehen. Die Rechten mischen sich bei einer Vorführung des Kindergartens unter das Volk, trinken die ersten Biere.
Dirk Bahlmann, NPD-Gemeinderatsmitglied, ist noch nicht dabei. Dabei hat er Grund zum Feiern, sein langjähriger Kamerad Martin Wiese wurde nach mehreren Jahren Gefängnis aus der Haft entlassen. Wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung war Wiese 2005 in München verurteilt worden - auch Bahlmanns Name tauchte in den Ermittlungsakten als Kontaktperson Wieses auf. Doch mit dem geplanten Anschlag auf ein jüdisches Zentrum hatte der bullige Bauunternehmer aus Löcknitz nichts zu tun. Man kennt sich halt von früher.
An diesem Samstag bleibt es ruhig. Keine außergewöhnlichen Vorfälle in Vorpommern.
08. 09. 2010 - Andrea Röpke
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