Rechtsextreme knüpfen ihr Netz immer dichter
21.07.2010
Schönberg/Jamel - In Schönberg haben Unbekannte eine Bushaltestelle am Bahnhof mit rechtsradikalen Parolen beschmiert. Bürgermeister Lutz Götze (parteilos, Fraktion die Linke) erklärte gestern, er wolle Anzeige wegen Sachbeschädigung erstatten und die Schmierereien beseitigen lassen. Laut Götze wolle die Stadt weiterhin mit Präventationsmaßnahmen auf die Gefahr von Rechtsradikalen hinweisen. Denn im Nordwestkreis sind die Neonazis mehr und mehr aktiv.
Weniger als 40 Einwohner hat Jamel, ein Ortsteil von Gägelow. Bekannt als Dorf der rechten Szene. Höchstens sechs bis acht Einwohner, sagt Bürgermeister Uwe Wandel, gehören nicht dazu. Die Gemeinde hat den Ortsteil längst aufgegeben. "Wir hatten mal Anfang der 90er Jahre einen B-Plan aufgelegt. Das haben wir alles wieder zurückgenommen, weil Leute kaum Interesse zeigen, dort hinzuziehen, und wenn Leute Interesse zeigen, Banken kein Geld geben", sagt Wandel.
Doch nicht nur in Jamel sind viele Rechtsextremisten zu Hause, sagt der Landesvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Axel Holz. "Wir haben hier ein richtiges Problem in MV. Wir haben Rechtsextreme, die an Zuwachs gewinnen, die ihre Zahl verdoppelt haben, ihre Mitgliederzahl und die zunehmend den Anfang eines Terrors betreiben." Mehr als 24 Anschläge auf Büros demokratischer Parteien gab es allein in diesem Jahr.
"Definitiv weiß ich aus Grevesmühlen, dass Leute Angst haben. Unsere Kampagne für ein NPD-Verbot haben in Grevesmühlen viele Leute nur mit Pseudonym unterschrieben, weil sie tatsächlich Angst haben vor Neonazis und auch bedroht worden sind", sagt Holz Erst vor kurzem hat die NPD in Grevesmühlen ein neues Wahlkreisbüro eröffnet. "Das sechste im Land", sagt Susanne Theilmann vom Regionalzentrum für demokratische Kultur Westmecklenburg. Das so genannte Thing-Haus. "Lever dood als Slaav!", also lieber Tod als Sklave sein, steht über dem Eingang. Bislang waren der Landkreis Ludwigslust und die Hansestadt Wismar eine Hochburg der Rechten.
Inzwischen wird auch der Nordwestkreis mehr und mehr zu einem Brennpunkt.
Grevesmühlens Bürgermeister Jürgen Ditz sagt: "Ich bin natürlich nicht begeistert, wenn man extremistische Einheiten in der Stadt hat, die sich dann auch noch verfestigen. Aber als Verwaltung, als Stadt können wir nichts dagegen tun. Die NPD ist eine zugelassene Partei und insofern haben sie das recht, so ein Büro zu eröffnen." Gägelows Bürgermeister Uwe Wandel sei, so sagt er, sogar ein wenig froh darüber, dass sich der Rechtsextremismus in Nordwestmecklenburg nicht mehr nur auf Jamel beschränkt. "Solange das nur in Jamel war, war es ja weit weg. Jetzt ist es auch in Grevesmühlen so und geht damit die größere Öffentlichkeit etwas an." Die Qualität der rechten Szene sei eine andere geworden." Die Veranstaltungen seien straff durchorganisiert. "Es beginnt nachmittags mit einem Kinderfest, ohne Alkohol und alles, geht am Abend dann mit einem großen Fahnenappell weiter. Es ist nicht mehr nur so, dass Rechte mit rechter Gewalt und Kriminalität in Einklang gebracht werden. Sie stellen sich bürgernah dar, sind nicht mehr nur gegen alles, sondern machen zum Beispiel etwas für Kinder." Gerade das stelle aus Sicht von Wandel eine große Gefahr dar.
Ein weiteres Beispiel für Rechtsextremismus in Nordwestmecklenburg ist "Die Schwarze Schar" - ein Motorradclub aus Gägelow, dessen Mitglieder sich zu ihrer "deutschen Herkunft" bekennen. "Als Gemeinde können wir wenig dagegen machen", sagt Bürgermeister Wandel: "Unsere Organe sind Polizei und Verfassungsschutz, die eigentlich dafür zuständig wären, bei denen ich aber davon ausgehe, dass sie diese Gefahr nicht so sehen wie die Allgemeinheit oder nicht sehen wollen." Denn außer Lippenbekenntnissen sei in den vergangenen Jahren nicht viel passiert, kritisiert ein ratloser Bürgermeister auch das Schweriner Innenministerium. Das braune Dorf Jamel sei ein Beispiel dafür. STEFFEN OLDÖRP
Ostseezeitung-Grevesmühlen
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