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Freie Völker statt Coca-Cola und Weltmusik

Die Neonazi-Szene hat die Agitation gegen den G8-Gipfel als eines ihrer Themen für das Jahr 2006 auserkoren. Doch was steckt hinter der rechtsradikalen Globalisierungskritik?

07.11.2005

"Globalisierung stoppen - Kapitalismus abschaffen!" heißt es auf dem Transparent einer Neonazi-Gruppe bei einer rechten Demo in Neubrandenburg am 01. Mai diesen Jahres; ein paar Meter weiter folgt die NPD mit dem Slogan "Arbeitsplätze statt Globalisierung". Nur zwei Wochen später geht es in Schwerin gegen die EU-Verfassung. "Für eine Welt der freien Völker" und "Stop New World Order - USA NATO UNO IWF EU" trägt die Szene dort zur Schau. Die Kritik der Gegendemonstrant/innen am Schwarz-Weiß-Rot-Nationalismus der Nazis wirkt da fast schon altbacken.

Kapitalismuskritik war noch nie nur eine Domäne der Linken. So ist es nicht verwunderlich, dass mit zunehmender Popularität der globalisierungskritischen Bewegung das Thema auch für die radikale Rechte wieder aktuell wird. Hinter ihren neuen und manchmal poppigen Parolen gegen die USA, die EU oder internationale Organisationen steckt jedoch der bekannte nationalistische und antisemitische Reflex auf die Veränderungen der modernen Welt.

Volk statt Gesellschaft

Im Mittelpunkt des Rechtsradikalismus steht die Gemeinschaft. Das Volkstum, so die NPD in ihrem Parteiprogramm, ist die Grundlage für die Würde des Menschen. Doch damit die Völker ihre "Vielfalt" bewahren könnten, müssen sie voneinander abgeschottet werden - internationale Kommunikation oder Mobilität stehen dem unnötig entgegen. Schon hinter der Zusammenarbeit in der Europäischen Union wittert die NPD ein "keinem Volk verpflichtetes Wirtschaftsimperium".

Doch wenn die "Völker" eigentlich gar keinen Bock auf Cola aus den USA, Imbissverkäufer aus Asien und Weltmusik aus Afrika haben, wer ist dann für die zunehmende globale Vernetzung verantwortlich? Rechte wittern dahinter das Treiben "internationaler Konzerne", die nur an Profit interessiert seien. Sie seien es, so heißt es immer wieder, die Einfluss auf die Regierungen ausüben und sie zur Öffnung der Grenzen und Märkte bewegen würden. Von dort ist es nicht weit bis zur herbeihalluzinierten bestimmenden Rolle "der Juden", ihrer angeblichen Macht oder gar ihrer Weltverschwörung.

Bekannte Erklärungsmuster: Antisemitismus und Antiamerikanismus

Juden gelten seit jeher als Gegengruppe zum heiß geliebten Volk. Statt national seien sie international, statt bodenständig kosmopolitisch, statt idealistisch materialistisch. In der antisemitischen Wahnvorstellung ist es ein leichtes, ihnen auch die Globalisierung unterzuschieben, die von den "Völkern" der Welt scheinbar abgelehnt werde. Eine ähnliche Rolle kommt den USA zu, jenem Schmelztiegel der Nationen, der sich nicht über Kultur oder Geschichte, sondern den politischen Willen definiert und damit den Rechten nicht in das Bild einer "historisch gewachsenen" Gemeinschaft passt. Die Vereinigten Staaten würden mit "US-amerikanischer Unkultur" und "Dollarimperialismus" ihren weltweiten Einfluss ausdehnen und die nationalen Identitäten zerstören wollen.

Die falsche Kapitalismuskritik der radikalen Rechten ist gleichsam modern wie antimodern. Auf der einen Seite werden scheinbar greifbare, leicht verständliche und damit konkrete Erscheinungen der kapitalistischen Moderne wie Nation oder Arbeit glorifiziert: Der schaffende deutsche Arbeiter, der für das Gemeinwohl tätig ist, gilt ist Idealvorstellung. Doch die mit der Entstehung dieser Begriffe einhergehenden abstrakten Erscheinungsformen wie Warentausch, Zins oder Mobilität werden auf der anderen Seite abgelehnt, da sie zu ihnen im angeblichen Widerspruch stehen würden. "So wird (...) konkrete Arbeit als das nichtkapitalistische Moment verstanden, das der Abstraktheit des Geldes entgegengesetzt ist", heißt es dazu bei Moishe Postone. "Dass konkrete Arbeit selbst kapitalistische gesellschaftliche Beziehungen verkörpert und von ihnen materiell geformt wird, wird nicht gesehen." Rechtsradikale Kapitalismuskritik ist die versuchte Trennung der zwei Seiten der einen kapitalistischen Medaille.

Die Agitation von Neonazis gegen Globalisierung und USA ist damit nicht nur die Bemühung, die Rolle des autoritären Staates als Vollstrecker des Volkswillens zu stärken und das Individuum dem Diktat der Gemeinschaft unterzuordnen. Da die Überwindung des Kapitalismus nur über die Abschaffung von Ware, Arbeit, Nation und Staat zu haben ist, ist rechte Globalisierungskritik somit gleichzeitig ein Antikapitalismus auf kapitalistischer Grundlage.

Links

Nationalsozialismus und Antisemitismus - Ein theoretischer Versuch
Essay von Moishe Postone zum Zusammenhang von Antisemitismus und rechter Kapitalismuskritik
http://www.nadir.org/nadir/aktuell/2002/01/19/8195.html

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