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Deserteure warteten auf Rehabilitation 50 Jahre

30.06.2010

Prora - 30 000 Menschen in Deutschland und Europa wurden während des Zweiten Weltkrieges von Gerichten der Wehrmacht wegen Fahnenflucht, "Wehrkraftzersetzung" oder Kriegsverrat zum Tode verurteilt. 22 000 wurden hingerichtet, unzählige andere starben in Lagern oder Strafeinheiten. Die, die überlebten, galten nach 1945 bei vielen Deutschen als Verräter oder Feigling. Zuerst von der Wehrmachtsjustiz verurteilt, dann von der Gesellschaft. Das betraf vor allem die Deserteure. Über 50 Jahre mussten die Opfer auf ihre Rehabilitierung warten. Der Bundestag hat erst in den Jahren 1998 bis 2009 die Unrechtsurteile der Wehrmachtjustiz aufgehoben. Bis dahin galten die Verurteilten als vorbestraft. Andererseits hatten die Nazi-Richter von einst längst wieder Stühle in deutschen Gerichtssälen, Hochschulen und Parlamenten besetzt.

Diesem Tabu-Thema deutscher Geschichte widmet sich eine Ausstellung, die morgen um 18 Uhr im Dokumentationszentrum Prora in Anwesenheit der Justizministerin des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Uta-Maria Kuder, eröffnet wird. "Was damals Recht war. . . Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht", heißt die Wanderausstellung der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, die erstmals ein umfassendes Bild von den willkürlichen Entscheidungen der Wehrmachtsgerichte während des Zweiten Weltkrieges zeichnet.

Der Ausstellungstitel bezieht sich auf eine Aussage von Hans Filbingers (1913-2007), CDU-Politiker und früherer Ministerpräsident von Baden-Württemberg, der als Marinerichter 1943 und 1945 vier Todesurteile beantragt oder gefällt hatte und dies 1978 als rechtsmäßig verteidigte: "Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein", hatte Filbinger in einem Interview gesagt.

Die Ausstellung dokumentiert, wie Unrecht und Willkür den Alltag der Wehrmachtsjustiz kennzeichneten und tausende Männer und Frauen, Soldaten und auch Zivilisten, als Deserteure oder sogenannte Wehrkraftzersetzer und Volksschädlinge verurteilt, ihr Leben verloren. Zu den zehntausenden Opfern zählen auch Widerstandskämpfer aus ganz Europa, die in ihren von der Wehrmacht besetzten Heimatländern oder in Deutschland inhaftiert, verurteilt und exekutiert wurden.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen 16 Einzelschicksale von Menschen, die von Gerichten der Wehrmacht verurteilt oder hingerichtet wurden. Demgegenüber sind fünf Porträts von Richtern gestellt, die diese Unrechtsurteile verhängten. Die Präsentation im Dokumentationszentrum Prora zeigt einerseits den Unrechtscharakter dieser Rechtssprechung, andererseits, dass die Richter durchaus Spielräume bei der Urteilsfindung hatten, die einige mutige auch nutzten.

Gleichzeitig wird morgen im Dokumentationszentrum auch die österreichische Ausstellung "Von der österreichisch-ungarischen Wehrmacht in die deutsche Wehrmacht" eröffnet. Diese Dokumentation beschreibt den Weg von österreichischen Generälen des Ersten Weltkrieges, die im Zweiten Weltkrieg in Hitlers Armee ihre Karriere fortsetzen konnten. Beide Ausstellungen sind noch bis zum 31. August zu sehen. Samstags um 15 Uhr werden Führungen durch die Ausstellung über NS-Militär-Justiz und ihre Opfer angeboten.

Zu diesem Thema wird außerdem am 17. Juli ein Zeitzeugengespräch im Dokumentationszentrum Prora stattfinden, kündigt Pressesprecherin Perke Kühnel an. Ludwig Baumann, Vorsitzender der Bundesvereinigung Opfer der Militär-Justiz e. V., der 1942 bei Bordeaux aus Hitlers Armee desertierte und zum Tode verurteilt wurde, ist zu Gast.

Info: Ausstellung vom 2. Juli bis 31. August täglich von 9.30 bis 19:00 Uhr; Führungen samstags um 15 Uhr

GERIT HEROLD

Ostseezeitung-Rügen

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