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15.07.2003
Peenemünde und die Wehrmacht - Ausstellungen auf Usedom wollen mit Mythen aufräumen
Peenemünde (ddp). Ohne die farbliche Lackierung wäre es ein unscheinbares Ding. Dabei schrieb der 75 Kilogramm schwere Behälter aus einer Aluminium-Magnesium-Legierung Raumfahrtgeschichte. Er diente als Brennstoffbehälter der Rakete A4/V2. Als Hitlers "Wunderwaffe" sollte sie die drohende Niederlage im Zweiten Weltkrieg noch abwenden. Zugleich gilt die Technik als bahnbrechend für die Erforschung des Weltraums. Mit gezündeter Hauptstufe verbrannte die Rakete 55 Liter Brennstoff pro Sekunde. An Bord hatte das Geschoss 3600 Liter. Als Treibstoff wurde 75-prozentiger Alkohol verwendet, der aus Kartoffeln gewonnen wurde. Beim Start wurde praktisch pro Minute der Extrakt von 30 Tonnen Kartoffeln in die Luft gejagt - und das 1944, als die Versorgungslage zunehmend schlechter wurde.
Über die Faszination der Technik wolle man zugleich zum kritischen Nachdenken über die Zeit des Nationalsozialismus anregen, sagt der Leiter des Historisch-Technischen Informationszentrums in Peenemünde auf Usedom, Dirk Zacher. Mit rund 300 000 Besuchern pro Jahr gehört das Museum auf dem Gelände der früheren Heeresversuchsanstalt zu den besucherstärksten in Deutschland. Der Mythos Peenemünde stamme jedoch ebenso wie der Mythos Wehrmacht aus der Propaganda des Nationalsozialismus, sagt Zacher. Mit beiden will das Informationszentrum gleichermaßen aufräumen.
Vom 25. Juli bis 7. September wird deshalb in Peenemünde auch die vom Hamburger Institut für Sozialforschung konzipierte Wehrmachtsausstellung gezeigt. Der Ort des größten Rüstungsprojekts des Dritten Reiches sei in besonderer Weise geeignet, die Verbrechen der Wehrmacht zu dokumentieren, betont Zacher. Peenemünde sei gleichermaßen Brutstätte für Massenvernichtungswaffen und Wiege der Raumfahrt. In diesem Spannungsfeld bewegt sich das Zentrum Peenemünde, das aus drei Säulen besteht: dem Museum, einer Denkmal-Landschaft sowie einer Bildungs- und Begegnungsstätte.
Die Wehrmachtsausstellung, die zum ersten Mal in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt wird, kostet 200 000 Euro. Das Geld kommt zum Teil von der Landesregierung, der Rest wird durch Einnahmen refinanziert. Gezeigt wird die Exposition in der 1600 Quadratmeter großen Turbinenhalle des ehemaligen Kraftwerks. Damit sei die Ausstellung eingebettet in einen "authentischen Ort", sagt Zacher.
Während der Zeit der Ausstellung, die erstmals in einer touristischen Region präsentiert wird, finden 45 Veranstaltungen statt, darunter Vorträge, Podiumsdiskussionen, Film- und Theatervorführungen. Viele Menschen aus der Region hätten sich an der Vorbereitung beteiligt, betont Zacher. Der Kunsthistoriker versteht die Exposition "als Chance für eine Region", auch wenn deswegen Sicherheitsmaßnahmen im großen Umfang mit ständiger Polizeipräsenz eingeleitet worden seien. Für den 2. August ist ein großes Kulturfest unter dem Motto "Erinnern statt Verdrängen - Usedom sagt ja zur Wehrmachtsausstellung" geplant. Zu der Ausstellung in Peenemünde werden 20 000 Besucher erwartet.
Nordkurier
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