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Erinnern an die Opfer

10.05.2010

Gross Schwansee - Der 3. Mai 1945, fünf Tage vor Kriegsende, ist eines jener Daten, die auch heute noch an die Folgen der Schreckensherrschaft des Naziregimes erinnern. Fast 7000 Menschen kamen damals beim Untergang der Häftlingsflotte in der Lübecker Bucht ums Leben, als die "Cap Arcona" und die "Thielbeck" versenkt wurden. Die Häftlinge aus dem KZ Neuengamme hofften damals bereits auf die Freiheit angesichts des erfolgreichen Vormarsches der Alliierten - doch die meisten von ihnen starben qualvoll in den brennenden Schiffswracks.

Zahlreiche Menschen ehrten am Sonnabend die Opfer bei Veranstaltungen in Grevesmühlen und Groß Schwansee. Darunter auch Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider. "Vergessen ist die letzte Grausamkeit, die wir den Opfern antun können", begann sie ihre Rede mit einem Zitat von Landesrabbiner William Wolff im Rahmen der Ausstellungseröffnung in Grevesmühlen. "Denn auch heute gibt es immer noch Menschen, die uns weismachen wollen, dass die Opfer von damals nichts mit der Nazidiktatur zu tun hätten, sondern das Werk Einzelner waren." Die SPD-Politikerin war auf ihrem Weg nach Grevesmühlen am Bürgerbüro der NPD im Grünen Weg vorbeigefahren. "Das ist kein Bürgerbüro sondern eine Burg", sagte sie. "Diese Kräfte versuchen Angst und Schrecken zu verbreiten und auch deshalb müssen wir dagegenhalten." Umso wichtiger seien Veranstaltungen wie diese Gedenkfeier, die neben der Ausstellung zur "Cap Arcona" eine Radtour zur Gedenkstätte nach Groß Schwansee sowie Veranstaltungen in Grevesmühlen und an anderen Orten entlang der Lübecker Bucht beinhaltete. "Denn ohne die Berichte der Zeitzeugen ist es schwer, diese Erinnerung aufrecht zu erhalten." Sven Schiffner vom Förderkreis "Cap Arcona", der sich seit mehr als zehn Jahren intensiv mit der Geschichte am Ende des Zweiten Weltkrieges beschäftigt, erinnerte zuvor daran, dass die gestrige Veranstaltung die erste gewesen sei, an der keine Zeitzeugen mehr hätten teilnehmen können. Er schilderte in einem eindrucksvollen Vortrag die dramatischen Ereignisse jenes 3. Mai.

Die Ausstellung im Grevesmühlener Vereinshaus, die Sonnabend eröffnet wurde, zeigt die zwei Seiten des ehemaligen Luxusliners der Reederei Hamburg Süd. Vertreter der Reederei hatten auf Initiative von Landrätin Birgit Hesse umfangreiches Material zur Verfügung gestellt. Vom Stapellauf 1927 bis zur Beschlagnahme durch die Kriegsmarine 1939 zählte das Schiff zu den luxuriösesten seiner Klasse.

Anschließend wurde es als Wohnschiff genutzt bevor es in den letzten Kriegstagen zum Grab für Hunderte von KZ-Häftlingen wurde. Einer der wenigen Überlebenden der Katastrophe ist der inzwischen verstorbene Schauspieler Erwin Geschonneck, der in zahlreichen Veranstaltungen die Ereignisse auf der "Cap Arcona" schilderte.

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) bekräftigte am Sonnabend in seiner Rede in Groß Schwansee erneut die Forderung nach dem Verbot der NPD. "Der heutige Gedenktag mahnt uns nicht nur zum Blick in die Vergangenheit, sondern zum Wachsein in der Gegenwart, um unserer Zukunft Willen." Einen interessanten Blick zurück in die Vergangenheit gab Eva Graumann von der Reederei Hamburg Süd. Sie berichtete von einem Brief einer Passagierin, die an der letzten Fahrt des Luxusliners im April 1939 teilnahm. Sie schrieb auf der Hinfahrt: "Es sind viele Juden an Bord, und für sie ist es ein trauriges Abschiednehmen für immer, denn sie wollen sich in Südamerika eine neue Heimat suchen." Auf der Rückreise hieß es dann: "Viele Passagiere sind es nicht, die nach dem alten Europa fahren wollen. Dunkle Gerüchte schweben in der Luft, in Deutschland würde bald Krieg ausbrechen." Eva Graumann erinnerte zudem an einen der letzten Kapitäne der "Cap Arcona", die im Januar 1945 Flüchtlinge von Gotenhafen in die Neustädter Bucht transportierte. Weil das Schiff inzwischen nur noch bedingt manövrierfähig war, weigerte sich der Kapitän, erneut den gefährlichen Weg über die Ostsee anzutreten. "Er richtete sich selbst."

HINTERGRUND

Taktik der Nazis

Bis heute ist nicht geklärt, wie es am 3. Mai 1945 zur Bombardierung der Flüchtlingsschiffe in der Lübecker Bucht durch die Royal Air Force kommen konnte. Vieles deutet darauf hin, dass das NS-Regime darauf abzielte, dass die englischen Jagdbomber die Schiffe versenken würden. Sie waren nicht als Flüchtlingstransporter gekennzeichnet und auch nicht als solche gemeldet worden. Zudem waren sämtliche Sicherheitseinrichtungen an Bord der Schiffe unbrauchbar gemacht beziehungsweise entfernt worden. Die Akten zu diesen Vorfällen sind noch unter Verschluss.

MICHAEL PROCHNOW

Ostseezeitung-Grevesmühlen

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