Wer darf an Prora erinnern?
Streit um Trägerschaft der geplanten Bildungsstätte in der künftigen Jugendherberge
01.04.2010
Prora - Heute um 17 Uhr eröffnet die Stiftung Neue Kultur (Berlin) in ihrem Dokumentationszentrum Prora in Block III die Ausstellung "Abgeerntet. Wer ernährt die Welt?" über Hunger, Globalisierung und Landwirtschaft. Zeitgleich lädt auch der Verein Prora-Zentrum in Block V zu der Eröffnung der Ausstellung "Der Volksjäger im Jahre 1945. Stationen der Hochtechnologie und Zwangsarbeit im heutigen MV" über den Heinkel Flugzeugbau und Zwangsarbeit ein.
Es mag Zufall sein. Oder ein kleiner Versuch, sich gegenseitig auszubooten? Beide Träger befassen sich mit der Historie Proras, beide bieten Führungen an und machen Projekte mit Schulen. Wenn auch mit unterschiedlichen pädagogischen Ansätzen. Und beide haben sich beworben, die Trägerschaft der geplanten Bildungsstätte in der künftigen Jugendherberge in Block V zu übernehmen. Es geht darum, wer in Prora die historische Erinnerungsarbeit leistet, es geht um Fördermittel und letztendlich geht es um die Existenz.
Der Leiter des Dokumentationszentrums, Dr. Jürgen Rostock, beklagt seit Jahren die "Nicht-Unterstützung" durch das Land. Schwerin gibt kein Geld für eine institutionelle Förderung, wohl aber projektgebundene Fördermittel. Sowohl für das Doku-Zentrum, als auch für das Prora-Zentrum. Als Innenminister Lorenz Caffier im Juni 2009 das Doku-Zentrum besuchte, stellte er unmissverständlich klar, dass das Land nur Geld gebe, wenn beide Träger miteinander kooperieren. Die Landeszentrale für politische Bildung will ein Interessenbekundungsverfahren in Gang setzen. Um über die künftige Arbeit der Bildungsstätte mit den vor Ort aktiven Institutionen zu diskutieren, hatte sie den Verein Politische Memoriale aus Schwerin beauftragt, einen Workshop zu veranstalten. Das geschah am 11. Dezember im Sassnitzer Kurhotel. Allerdings waren lediglich Vertreter des Doku-Zentrums und des Prora-Zentrums anwesend. Der Verein Denk-MAL-Prora um den ehemaligen Proraer Bausoldaten und Historiker Dr. Stefan Walter (Berlin) hatte eine Stellungnahme abgegeben.
Hinterher hagelte es harsche Kritik aus Berlin: "Das Dokumentationszentrum-Prora und Denk-MAL-Prora können sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Etablierung des Prora-Zentrums als maßgeblicher Träger der Erinnerungsarbeit in Prora seit längerem mit Unterstützung des Landkreises und einer starken Lobby in Schwerin geplant ist. Dabei wird die langjährige, erfolgreiche Arbeit des Dokumentationszentrums ignoriert." Das Verfahren sei nicht objektiv, der Workshop eine Alibiveranstaltung gewesen. Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen Landrätin Kerstin Kassner als "Bauherrin" der Jugendherberge, die gleichzeitig Vorsitzende des Vereins Prora-Zentrum ist. In dem ist auch der Verein Politische Memoriale Mitglied. Der Landkreis in Persona der Landrätin hätte dem Prora-Zentrum Räume vermietet, dies aber dem Doku-Zentrum verwehrt. "Wir haben nicht mit dem Landkreis eine Nutzungsvereinbarung für die Räume, sondern mit dem Jugendherbergswerk", erklärt hingegen Susanna Misgajski, Geschäftsführerin und Pädagogische Leiterin des Prora-Zentrums. Der Landkreis als Träger der Baumaßnahme wird Block V nach seiner Fertigstellung in Erbpacht an den Landesverband MV des Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) übergeben. Die soll ganzjährig betrieben werden, weshalb ein ansprechendes Bildungsangebot in Block V etabliert werden soll, so Landrätin Kerstin Kassner, die sich zu den Vorwürfen nicht äußern will, "um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen". Das Prora-Zentrum kooperiert bereits mit dem DJH im Zusammenhang mit dem Jugendzelplatz vor Block V.
"Bildungsarbeit für Jugendliche ist wichtig. Es muss aber auch etwas für Touristen und Einheimische angeboten werden. Und da kommt man an unserer Arbeit nicht vorbei", verweist Doku-Zentrum Pressesprecherin Perke Kühnel auf 80 000 Besucher im Jahr.
Das Gegeneinander liegt auch in der Gründungsgeschichte des Prora-Zentrums begründet, die mit dem Doku-Zentrum zusammenhängt. Susanna Misgajski war bis Mai 2001 Mitarbeiterin im Doku-Zentrum, zusammen mit Dr. Rainer Stommer. Beide hätten hinter dem Rücken des Doku-Zentrums einen Verein gegründet, so Jürgen Rostock. Den "Förderverein Dokumentationszentrum Prora"Das war im Oktober 2001, als Kerstin Kassner gerade in ihrer ersten Amtswoche frisch gebackene Landrätin war. "Dass ich Vereinsvorsitzende werde, war ohnehin geplant. Ich wollte, dass in Prora kein Vakuum entsteht." Die Stiftung hatte die Räumlichkeiten gekündigt und wollte die Insel verlassen, so Susanna Misgajski. Den Mitarbeitern, Herrn Stommer und Herrn Kroll (arbeitet heute beim Prora-Zentrum) sei im Sommer gekündigt worden. "Wir wollten, dass es weitergeht, deshalb haben wir den Förderverein gegründet." Das Doku-Zentrum hat wenig später die Namensänderung gefordert, so wurde der Verein zum Prora-Zentrum. Was heute noch zu Verwechslungen führt. Post und Emails erreichen die falschen Empfänger. Eine Kooperation können sich beide Parteien dennoch vorstellen, sagen sie. Aber nur unter bestimmten Voraussetzungen . . .
GERIT HEROLD
Ostseezeitung-Rügen
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