Rügen kehrt Rechts den Rücken
08.03.2010
Michael Drews (23) aus Bergen: Faschismus ist keine Meinung, es ist und bleibt ein Verbrechen. Deshalb dürfen wir Rückwärtsgewandten keine Chance auf Rügen geben. Genau darum bin ich nach Sassnitz gekommen, um es den Neo-Nazis deutlich zu zeigen.
Klaus Gessner: Als Überlebender des Bombenangriffs macht es mich betroffen, dass 65 Jahre danach wieder genau jenes Gedankengut durch die Sassnitzer Straßen marschieren kann, das damals Ursache allen Übels war. Das Thema Vergangenheitsbewältigung bleibt ein aktuelles.
Schulter an Schulter stellen sich Pfarrer, Handwerker, Jugendlicher den Rechtsextremen in den Weg. Sie bilden eine Menschenkette und wenden sich mit Kerzen in der Hand ab, als die Neo-Nazis 65 Jahre nach dem Bombenangriff auf Sassnitz am Sonnabend durch die Hafenstadt marschieren. Die Insel setzt Zeichen: Für menschenverachtende Intoleranz ist kein Platz auf Rügen.
Sassnitz - Auf einmal konnte er den feuerroten Himmel sehen. Der 6. März 1945 hat sich im Gedächtnis von Klaus Gessner eingemeißelt. Das Haus in der Stralsunder Straße, in dem er nach der Flucht aus Schlesien wohnte, wurde voll getroffen beim Bombenangriff der Alliierten auf Sassnitz. Etwa 1300 Menschen starben. Klaus Gessner hat überlebt. 65 Jahre danach ist er wieder in der Hafenstadt. "Wir müssen ein Zeichen setzen", sagt der 70-Jährige, der heute in Wesel am Niederrhein wohnt. Gessner steht an der Hauptstraße vor der Rügen-Galerie, eine Kerze in der Hand. Als gegen 20 Uhr dumpfes Trommeln naht, das von einem Großaufgebot der Polizei eskortiert wird, wendet er sich demonstrativ ab. Die NPD marschiert. Gessner kehrt den Rechtsextremen den Rücken zu. Und ist nicht allein. Ob Kirchenmann, Insel- oder Stadtpolitiker, ob Unternehmer oder Jugendlicher - Rügen verurteilt die braune Hetze, wendet sich ab.
Ausgerechnet den 65. Jahrestag des Bombenangriff hatte sich die rechtsextreme NPD ausgesucht, um ihre menschenverachtende Propaganda bei einem Aufmarsch in der Hafenstadt zu propagieren. Der Marsch wurde genehmigt. In Sassnitz formierte sich sogleich ein breites Bündnis gegen Rechts. "Die Opfer von damals verpflichten uns zu demokratischem Handeln und fordern uns alljährlich zur Wehr gegen diejenigen auf, die dieses Gedenken verfälschen", bekräftigt Sassnitz' Bürgermeister Dieter Holtz am Sonnabend auf dem Rügenplatz. "Unser Sassnitz ist eine weltoffene Stadt. Verständigung, Mitmenschlichkeit und Toleranz sind die festen Säulen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens." Das demokratische Bündnis hatte zu einer Friedensandacht aufgerufen. Die eint um 18.30 Uhr rund 300 Vertreter aus Politik, Kirche, Wirtschaft, Vereinen und Bürger auf dem Rügenplatz. Keineswegs nur Hafenstädter formieren sich gegen Rechts. "Für Ausländerfeindlichkeit ist kein Platz auf Rügen", sagt Thomas Wuitschik, Vorsitzender des Tourismusverbandes der Insel, dessen kompletter Vorstand Kerzen anzündet. Auch Winfried Rothkirch, Chef des Hotel- und Gaststättenverbandes auf Rügen, Landrätin Kerstin Kassner setzten solche Zeichen. Für Rügens oberste Verwaltungschefin ist es eins der Mahnung. Aber auch eins, "das den Rechtsextremen deutlich zeigt: Ihr seid hier nicht wollkommen", so Kassner. Sie stimmt mit ein: "We shall overcome", schallt es über den Platz. "Wir schaffen es gemeinsam", übersetzt Peter Nieber, Pastor der Evangelischen Kirchengemeinde Sassnitz, frei die Refrainzeile des Protestliedes.
"Kerzen sind Symbole für Hoffnung und neues Leben, Symbole für Frieden und Versöhnung", prangert Christian Schmidt vor dem aus Bombensplittern des Angriffs auf Sassnitz gefertigten Kreuz braune Demagogie an. Angekündigt hatten die Neo-Nazis ihren "Trauermarsch" mit einem Bild, das die Friedenstaube und Fackeln zeigt. Gegensätzlicher und widersprüchlicher können diese Symbole auf einem Bild nur von Menschen gebraucht werden, die sich der Symbolhaftigkeit nicht bewusst sind, sagt Schmidt, der Mitglied im Verein Lichtspiele Sassnitz ist. Die Taube stehe für Friedfertigkeit, Fackeln seien noch nie ein Symbol des Friedens gewesen. "Sie stehen für Macht, Kampf und Vernichtung." Die im Fackelschein durch Sassnitz ziehenden etwa 150 Teilnehmer des NPD-Aufmarsches waren entlarvt. "Das ist rückwärtsgewandt, ist ein Marsch in die Vergangenheit", stellt Peter Nieber fest. Auch er steht am Straßenrand, auch er kehrt den Neo-Nazis den Rücken zu - Rügen schaut nach vorn.
UDO BURWITZ
Ostseezeitung-Rügen
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