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Stätten jüdischen Lebens in Parchim

19.01.2010

von Christiane Großmann

PARCHIM - Zu Stätten jüdischen Lebens in Parchim führt ein Stadtrundgang. Etwa 20 Stationen - Wohn- und Geschäftshäuser, Synagogen- und Friedhofsplätze - sollen als Denkmale besonderer Art zur Auseinandersetzung mit menschenverachtendem Verhalten - früher wie heute - anregen. Den Ausgangspunkt des Rundganges bildet der Moltkeplatz, auf dem 1933 Bücher und 1938 sakrale Gegenstände der am 10. November 1938 in der Pogromnacht zerstörten Synagoge verbrannt wurden. Von hier aus führt der Weg weiter zur Buchholzallee 7. Dieses Gebäude, das untrennbar mit dem Namen der Tuchfabrikantenfamilie Gumpert verbunden ist, steht für die dunkelste Zeit der Judenverfolgung in Parchim: Alle hier gebliebenen Juden wurden nach einem Erlass am 30. April 1939 im so genannten "Judenhaus" untergebracht, damit sie dort besser überwacht werden konnten. 1941 sollen hier noch sieben jüdische Personen gelebt haben, bis die letzten von ihnen im November 1942 deportiert wurden. Das war der Zeitpunkt, an dem in Parchim jüdisches Leben faktisch gänzlich ausgelöscht wurde. Alle anderen wanderten entweder rechtzeitig ins Ausland aus oder wurden ermordet. So löschten die damaligen Machthaber auch den Namen der Familie Weil in Parchim aus, die in der Buchholzallee 38 wohnte. Oder den Namen Josephi: Der Kaufmann Gustav Josephi galt als angesehener Bürger, wirkte u. a. als Stadtverordneter sowie Vorsitzender im Handelsverein und im Schulvorstand der Parchimer Kaufmannsschule. 1933 wurde Gustav Josephi gezwungen, von allen Ämtern zurückzutreten. Er starb 1943 in Theresienstadt. An sein Leben erinnern u. a. das ehemalige Wohnhaus in der Putlitzer Straße 43 sowie ein Geschäftshaus in der Lindenstraße.

In diesem Jahr wird an eine der bekanntesten jüdischen Familien in Parchim zu erinnern sein: Am 17. Juli 2010 ist es 75 Jahre her, als der Kaufmann Emil Ascher auf besonders menschenverachtende Weise schikaniert wurde. Für Wolfgang Kaelcke, Leiter des Parchimer Museums, sei dieser Vorfall im Jahr 1935 der erste sichtbare Exzess von Judenverfolgung in Parchim gewesen. In den Rundgang zu Stätten jüdischen Lebens sollte ebenfalls der Neue Friedhof einbezogen werden: Hier ist 1970 eine jüdische Gedenkstätte entstanden, wohin auch die Gebeine und Grabmale des ehemals am Westufer des Wockersees vorhandenen Jüdischen Friedhofs überführt wurden. Weitere Spuren jüdischen Lebens sind in einer Dokumentation festgehalten, die im Museum eingesehen werden kann. Sie baut auch auf Erkenntnissen von Doreen Frank auf. Ihre in der Schriftenreihe des Museums 1997 erschienene Examensarbeit, eine Dokumentation über jüdische Familien in Parchim, galt damals als erster Versuch einer umfangreicheren Darstellung zu diesem Thema überhaupt. Ein eigenes Kapitel ist der Synagoge gewidmet, die 1823 auf dem Hof der heutigen Rosenstraße 43 entstand und am 10. November 1938 vom Mob zerstört wurde.

Die für den mörderischen Umgang verantwortlichen damaligen Machthaber gibt es nicht mehr, "doch menschenverachtendes Verhalten gibt es bis heute", leitet Wolfgang Kaelcke in die Gegenwart über. "Es gilt, im Umgang mit Anderen das eigene Verhalten zu prüfen eingedenk der goldenen Regel, die da lautet: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst." Auch daran möchten die Stätten jüdischen Lebens in Parchim erinnern. "Böses muss mit Gutem vergolten werden", gebraucht Wolfgang Kaelcke Worte aus der Bibel: "Alle sollten den Balken im eigenen Auge und nicht den Splitter im Auge des nächsten sehen."

Die Idee für diesen Stadtrundgang reifte, nachdem Wolfgang Kaelcke zunächst Stätten jüdischen Lebens in einer Infoveranstaltung für ehrenamtliche Stadtführer.

aufgegriffen hatte und später dieses Thema in der Vortragsreihe des Heimatbundes einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Als Ansprechpartnerin für den Rundgang hat sich Brunhilde Lewerenz bereit erklärt. Anfragen sind über das Museum unter 03871/212310 möglich.

Schweriner Volkszeitung-Parchim

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