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20.06.2003
Aufklärung über NS-Zeit in der 10. Klasse ist zu spät - Ausstellung setzt sich mit Geschichte Proras im Dritten Reich auseinander
 | Schnippeln und Werkeln ist derzeit bei zehn Schülern der Rugard-Schule angesagt. Unter Anleitung von Susanne Misgajski entsteht eine gut fünf Meter lange Collage über die Historie Proras. |
Bergen/Prora (OZ) Politische Bildung, Zielgruppen spezifisch und mit dem weiten Feld der Historie Proras vor Ort befasst - das hat sich der Verein "Prora Zentrum" auf die Fahnen geschrieben. Seit gut einem halben Jahr am Ball, machte der Verein Anfang Februar mit der Exposition "Erinnerungsorte Mare Balticum" in Greifswald, ab Anfang April auch in Alt Rehse von sich reden. Nun wird diese Ausstellung im August während des Jugendspektakels Prora03 an ihren dritten Dokumentationsort geführt: Prora.
Nach Rainer Stommers Motto "Geschichte findet überall statt" will der Architekturhistoriker gemeinsam mit Kollegin Susanna Misgajski mit verschiedenen methodischen Ansätzen nicht nur an Jugendliche, sondern auch an so genannte Multiplikatoren herantreten. "Die Ausstellung ist eigentlich nicht für ein Schnupper-Publikum konzipiert. Es kann im Umfeld dieses Events nur ein Angebot sein", ist sich Stommer der anspruchsvollen Auseinandersetzung mit dem Ort bei absehbar vorwiegender Feierlaune der Jugend bewusst. "Auf Grund der anderen Projekte ist aber anzunehmen, dass ein bestimmtes Grundinteresse bei vielen Jugendlichen vorhanden ist zu erfragen, was das für ein Ort sei, an dem sie sich drei Tage lang aufhalten", zeigt sich Historikerin Misgajski optimistisch. Stommer: "Klar kommt nicht jeder wegen der Geschichte, aber wir hoffen, dass wenigstens ein bisschen hängen bleibt, zumal jeder an uns vorbei muss."
Denn die historische Plattform bei Prora03, für die alle Projekte im Prora-Zentrum münden, ist die Aktionsfläche 1 am Eingang. Führungen durch die Ausstellung wird der Verein anbieten, ebenso Diskussionsrunden. Ergänzt wird die Ausstellung um Arbeiten der 10. Klasse der Regionalen Schule Binz, die neben einer Wandzeitung eine Broschüre über die Historie Proras erstellt. Die befasst sich chronologisch mit den Ereignissen zwischen 1933 bis -39 sowie 1939 bis -45.
Außergewöhnlich für Susanna Misgajski war die Erarbeitung des Themas Nationalsozialismus mit Schülern der 6. Klasse der Rugard-Schule Bergen. "Man kann nicht früh genug anfangen, den NS-Stoff zu vermitteln. Wenn die Aufklärung erst in der 10. Klasse beginnt, ist das zu spät, da haben sich Jugendliche bereits orientiert", meint Rainer Stommer. Schon früh würden Kinder - etwa durch Geschwister - mit Neonazi-Jargon konfrontiert. "Es war ein Wagnis, aber wir haben gemerkt: Es war nicht zu früh", meint auch Klassenlehrerin Maria Bloom. Die Schüler arbeiten seit Weihnachten im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft im Ganztagsbetrieb der Schule an einer Collage, deren "roter Faden" eine Zeitschiene zur Geschichte von Prora entwickelt. Hierfür haben sie Bücher gewälzt oder Großeltern als Zeitzeugen befragt.
Die beiden Protagonisten des Prora-Zentrums über die Zukunft ihres Forschungsgegenstandes: "Prora braucht Belebung. Eine
Jugendbegegnungsstätte in Verbindung mit Bildungsarbeit wäre das, was unserer Vorstellung entspricht." Denn es bestehe ein "unendlicher Erklärungsnotstand", was Prora und dessen Vergangenheit betrifft.
KATJA MÜLLER
Ostseezeitung-Rügen
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