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19.06.2003
Abschied von der Vergangenheit - Profi-Tätowierer lässt im Neustrelitzer Knast rechtsextreme Symbole verschwinden
Von ddp-Korrespondent Gunnar Kruse
Neustrelitz. Seine Leidenschaft ist wie sein Beruf leicht zu erraten: Großflächig sind nicht nur Maik Jäkels Arme tätowiert, auch auf Oberkörper und Beinen finden sich zahlreiche Ornamente und Motive. Für den jungen Mann aus Neustrelitz ist das Ganze mehr Philosophie als nur modischer Gag: "Jedes meiner Tattoos steht für ein Stück meines Lebens", sagt Jäkel, an dessen Hals eine kleine "69" für sein Geburtsjahr steht.
Doch auch wenn er sich wünschen würde, "dass jeder so bunt herumläuft, wie es ihm gefällt", weiß er um die Schattenseiten seiner Branche: Immer wieder lassen sich Jugendliche rechtsextreme Symbole und Zeichen unter die Haut stechen. Davon hält der 33 Jahre alte Jäkel gar nichts.
Denken über Gesinnung
Ansichten könnten sich ändern, eine Tätowierung sei in den meisten Fällen jedoch etwas für die Ewigkeit, warnt er. Botschaften auf der Haut können aber "entpolitisiert" werden, wie Jäkel es nennt: Seit Januar ist der 33-Jährige regelmäßig in der Jugend haftanstalt Neustrelitz zu Gast. Wer von den Insassen will, kann sich von ihm rechte Symbole übertätowieren lassen.
Hintergrund für das nach Angaben der Jugendhaftanstalt in Mecklenburg-Vorpommern und wohl auch bundesweit einzigartige Projekt ist die häufige erneute Straffälligkeit der Jugendlichen schon durch das Tragen und öffentliche Zeigen dieser Symbole. Außerdem sollen die jungen Leute zum Nachdenken über ihre Gesinnung gebracht werden. Aus Hakenkreuzen und SS-Runen lässt Jäkel unverfängliche Ornamente entstehen. "Manchmal werden es auch Sterne oder Ähnliches", berichtet er. Mit Fantasie gehe immer irgendetwas. Das funktioniere selbst bei den berüchtigten vier Buchstaben "Skin" auf den oberen Fingergelenken. Jäkel, der bislang neun jungen Straftätern zu neuen Bildern auf der Haut verholfen hat, sticht nicht einfach so drauf los. Erst wird über das Motiv gesprochen, dann ein Kostenvoranschlag erstellt. Für den optischen Abschied von ihrer Vergangenheit müssen die Häftlinge schließlich selbst bezahlen. Erst dann geht der Profi-Tätowierer zu Werke, der sich 1991 sein erstes Tattoo zulegte und im Jahr darauf im eigenen Studio mit dem Stechen begann.
Mediziner dabei
Für ihn hat das Projekt in der Jugendhaftanstalt vor den Toren Neustrelitz schon fast revolutionäre Züge. "Wann ist schon mal ein Tätowierer ganz offiziell in den Knast gekommen?", fragte er. Schließlich sei in Justizvollzugsanstalten der Umgang mit Nadel und Farbe unter anderem aus hygienischen Gründen normalerweise absolut tabu. Und auch wenn Jäkel sein Werkzeug auspackt, dann nur im medizinischen Bereich der Jugendanstalt. "Ein Arzt schaut regelmäßig vorbei", erzählt er. Welchen Effekt das Übertätowieren auf die Betroffenen hat, kann Jäkel nur vermuten. Er spricht zwar mit den Jugendlichen darüber, warum sie einsitzen. "In die Leute reingucken kann und will ich aber nicht." Mit dem Gedanken, dem einen oder anderen als Wegbereiter für ein künftig anderes Leben geholfen zu haben, kann der Haut-Künstler jedoch gut leben.
Nordkurier
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