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Polen streben erstmals in Kommunalparlamente
Kandidat: Ich will zeigen, dass polnische Leute nicht nur Zigaretten schmuggeln, sondern auch Arbeitsplätze schaffen
26.05.2009
Pasewalk/Stettin/dpa. Jaroslaw Wiczorek hat Geschichte geschrieben. Als erster Pole gründete der Maschinenbauingenieur aus Posen (Poznan) nach dem EU-Beitritt seines Landes 2004 eine Firma in Deutschland - im vorpommerschen Pasewalk. Jetzt will der 40-Jährige ein neues polnisch-deutsches Kapitel aufschlagen: Er kandidiert am 7. Juni bei der Wahl zum Pasewalker Kreistag und - wie zwei Polinnen, die ebenfalls in Vorpommern wohnen - auch für ein Stadtparlament. «Ich will zeigen, dass polnische Leute nicht nur Zigaretten schmuggeln, sondern auch Arbeitsplätze schaffen und gut mit Deutschen zusammenleben können», erklärt Wiczorek. Hauptziel aller drei Amtsbewerber: etwas gegen Rechtsextremisten in der Region tun.
Die Kandidaturen des Unternehmers und der beiden Frauen Dorota Siuda-Pankau und Katarzyna Werth kommen nicht unerwartet. Im Süden Vorpommerns in der Grenzregion bei Stettin (Szczecin) haben sich rund 1400 EU-Ausländer angesiedelt - darunter 1280 Polen, vor allem rund um Löcknitz. «Für den Kreis ist das eine große Chance, die prophezeite demografische Negativentwicklung zu lindern», sagt der Landrat des Uecker-Randow-Kreises, Volker Böhning (parteilos). Auch die Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Radoslaw Sikorski besuchten deshalb schon Löcknitz. Der idyllisch am See gelegene Ort war bereits vor 1945 klassisches Naherholungsgebiet für Stettiner.
Allerdings versucht die rechtsextreme NPD seit Monaten, regionalen Ausländerhass zu schüren. Ihren Sympathisanten werden ausländerfeindliche Schmierereien und die Beschädigung polnischer Autos zugerechnet. Jetzt fordern die Extremisten auf Wahlplakaten bis dicht vor die inzwischen durchlässige Grenze sogar: «Grenzen dicht für Kriminelle!» Wer aufmerksam durch die kleinen Orte fährt, sieht in Pasewalk und Löcknitz am häufigsten Plakate der NPD, in Dörfern hält meist nur die SPD mit eigenen Wahlpostern dagegen.
Verglichen wird das Zusammenwachsen von Polen und Deutschen mit dem deutsch-dänischen Grenzgebiet. Allein in Flensburg leben unter 89 000 Einwohnern etwa 2200 Dänen. Die Zahl der dänischstämmigen Bewohner in der Region dürfte weit größer sein. Der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) der dänischen Minderheit ist in Flensburg zweitstärkste Kraft nach einer anderen Initiative und noch vor den etablierten Parteien. Bundesweit bekannt wurde der SSW 2005 als «Zünglein an der Waage» im schleswig-holsteinischen Landtagswahlkampf.
So weit sind die polnischen Kandidaten noch lange nicht. So tritt Wiczorek, der in seinem Spezial-Metallbaubetrieb elf Mitarbeiter beschäftigt, für die Initiative «Wir in Pasewalk» an. Die 29-jährige studierte Betriebswirtin Werth, die in Löcknitz das deutsch-polnische Gymnasium besuchte, geht für das Bündnis «Pomeraniak» an den Start; die 36 Jahre alte Erzieherin Siuda-Pankau will für die CDU Stimmen holen. «Wir wollen die Stereotypen gegenüber Polen abbauen helfen», sagt Werth, die schon ein Praktikum bei der EU absolvierte und ihrem kleinen Sohn grenzübergreifende Entwicklungschancen sichern will.
Siuda-Pankau macht sich vor allem für den Erhalt des binationalen Gymnasiums und den Ausbau des zu kleinen Kindergartens stark. Hierzu lernt sie derzeit selbst noch Deutsch. Die Sprachbarriere komme in Vorpommern «erschwerend hinzu», sagt Landrat Böhning. Das sei anders als im deutsch-dänischen Grenzgebiet, wo viele Einheimische beide Sprachen beherrschen. So sagte Flensburgs Oberbürgermeister Klaus Tscheuschner zuletzt beim Besuch des dänischen Kronprinzenpaares in perfektem Dänisch: «Politische Zusammenarbeit über geografische und sprachliche Grenzen hinaus - das ist Alltag für uns.»
Solch eine Zusammenarbeit streben Vorpommerns Kommunalpolitiker mit ihren polnischen Kollegen auch an, entsprechende Worte auf Polnisch hört man aber sehr selten. Einen weiteren Unterschied hat Böhning ausgemacht: «Es gibt trotz der jüngsten Entwicklung aus der Historie heraus noch immer Ressentiments bei älteren Menschen beider Seiten gegenüber dem "Nachbarn".» Die polnischen Kandidaturen auf deutscher Seite hält er für wichtig - noch wichtiger sei aber, was nach einer Wahl im Kommunalparlament wirklich passiere.
Mitteldeutsche Zeitung
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