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20.05.2003
"Geschichte bekommt ein Gesicht" - Auschwitz-Überlebende und Autorin Batsheva Dagan zu Gast am Schweriner Herder-Gymnasium

Lankow. Batsheva Dagan war 17, als die Nazis die Jüdin ins KZ sperrten. Davor lag eine Zeit in der Illegalität, auch in Schwerin. Jetzt war Dagan in der Landeshauptstadt und sprach am Herder-Gymnasium über ihre zwei Jahre im Todeslager.

Es gab einen kleinen Laib Brot für vier Häftlinge, wenn überhaupt. "Brot war Leben", berichtete Auschwitz-Überlebende Batsheva Dagan den Schülerinnen und Schülern der 12. Klasse des Herder-Gymnasiums - nur eine Episode aus der Hölle der Todesfabrik.

Zu Beginn der Veranstaltung hatte die heutige Dozentin für Psychologie erwartungsvoll ins Publikum gefragt: "Was kommt euch bei dem Wort Holocaust in den Sinn?" Erst schweigen alle. Aber bald liefern die Schüler der 12. Klasse Schlagwörter: "Horror", "Nazis", "Massenvernichtung", und immer wieder: "Judenverfolgung".

Batsheva Dagan hakt ein: "Der Holocaust war nicht nur Judenverfolgung." Sinti und Roma, Polen, Russen, Behinderte, politische Gegner, "Asoziale", die Liste der zum Tode bestimmten Opfer der Nazis war lang. Aber die Juden "standen an erster Stelle", sagt Batsheva Dagan. Sie hat die Shoah, den Leidensweg des europäischen Judentums im Dritten Reich, am eigenen Leib erfahren. Darüber will sie den Herder-Gymnasiasten berichten. 17, 18 sind die Jungen und Mädchen - so alt wie Batsheva, als sich vor fast auf den Tag genau 60 Jahren die Lagertore von Auschwitz hinter ihr schlossen.

Geschichte des Holocaust aus erster Hand

1926 wird Batsheva Dagan in Lodz geboren. Als die Wehrmacht und die Mordkommandos Polen überrollen, beginnt das Unglück. Die heute 77-Jährige Batsheva zeigt Fotos ihrer acht Geschwister. Bilder von jungen Männern und schönen Frauen, die Gesichter von Toten: "Meine Schwester Sabina, mit 15 erschossen. Mein Bruder Mordechai, mit 21 verhungert..."

Batsheva verschafft sich falsche Papiere und landet als Zwangsarbeiterin bei einer Familie überzeugter Nazis in Schwerin. Jeden Tag muss sie das Bild des "Führers" abstauben. "Schwerin war für mich eine Stadt der Ängste und Schrecken", berichtet Batsheva Dagan. Die Gestapo findet sie, im Mai 1943 landet sie in Auschwitz-Birkenau.

Dort bekommt Batsheva Dagan ihre Häftlingsnummer eintätowiert, muss Schwerarbeit leisten und haust mit 800 Frauen in einer Baracke, die ursprünglich als Stall für 60 Pferde konstruiert worden ist. "Ich kam an und sah die Schornsteine", den Geruch von verbranntem Menschenfleisch habe sie im Lager täglich in der Nase gehabt.

Batsheva hat Glück, trifft eine Kusine wieder, die als Krankenschwester im "Revier" arbeitet. Die Verwandte bringt sie dort unter. Angenehm ist die Arbeit nicht: "Ich musste jeden Tag die Leichen raustragen." Aber die Knute der Aufseherinnen ist nicht mehr ganz so nah.

Die "Selektionen" des Lagerarztes Dr. Josef Mengele, der regelmäßig Personal und Patienten aus dem Revier in die Gaskammern schickt, übersteht sie in einem Versteck - mit Hilfe eines SS-Mannes.

Batsheva Dagan organisiert sich, mit sieben Freundinnen versucht sie den Lageralltag zu überstehen, nicht zu verrohen: "Ich habe in Auschwitz fließend französisch gelernt." Später sortiert sie im Effekten-Lager tonnenweise Kleider und Schuhe - die Hinterlassenschaft der Toten. "Wir nannten es Kanada-Kommando, weil Kanada so ein reiches Land ist." Sie stiehlt einen Pelzmantel, der ihr zupass kommt, als Auschwitz am 18. Januar 1945 geräumt wird. Bei minus 20 Grad geht es auf den Todesmarsch: "Wer nicht mehr konnte, bekam die Kugel und es lagen viele Leichen im Schnee." Bei Kriegsende wird Batsheva Dagan befreit. Der Pelzmantel liegt heute in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem.

Sie hat die Hölle der Todesfabrik überlebt

"Im Geschichtsunterricht ist das Grauen nicht real", sagt die 18-jährige Annemarie: "Nun bekommt Geschichte ein Gesicht."

Die Schüler fragen zum Schluss, worauf Batsheva Dagan am meisten stolz sei, und die Zeitzeugin spricht nicht vom Überleben oder ihren Büchern über den Holocaust. Nein, stolz mache sie, dass ihre Freundinnen in Auschwitz, als manche um des Überlebens willen zu reißenden Wölfen wurden, ihr die Aufteilung des täglichen Brockens Brot anvertrauten.

Philip Schroeder

Schweriner Volkszeitung-Schwerin

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