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10.05.2003
Radikaler Musiklehrer erhielt Bewährungsstrafe - Wegen der Beteiligung am Anschlag auf einen Wismarer Asia-Imbiss wurde gestern in Schwerin ein Lehrer zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Zwei 19-jährige Mittäter erhielten zweieinhalb und dreieinhalb Jahre Haft. Die Drei wollten im November 2002 aus Ausländerhass den Imbiss in Brand setzen.

OZ-Bild

Musiklehrer Guido S. ist mit dem Urteil "sehr zufrieden".

Schwerin (OZ) Die Hecke, die das Sonnenkamp-Gymnasium in Neukloster einfasst, ist exakt gestutzt. Alte Bäume mit dichtem Blätterdach werfen ihre Schatten auf den soliden Backsteinbau, hinter dessen Fenstern Schüler pauken. Humanistische Bildung. Geschichte und Religion gehören dazu, wie Musik. Zarte Geigenklänge und deftige Flötentöne bekommen die Jugendlichen seit kurzem von einer Lehrerin beigebracht. Die ist neu an der Schule, nachdem der alte Musiklehrer im November vergangenen Jahres plötzlich in Untersuchungshaft musste.

Guido S. soll zwei 19-Jährigen einen Benzinkanister besorgt haben, mit dem die einen Brandanschlag auf einen Asia-Imbiss in Wismar verübten. Gott sei Dank ist niemand zu Schaden gekommen. Später fand die Polizei in der Wohnung des 37-jährigen Lehrers aus Neukloster allerlei deutschnationales Propagandamaterial, Fahnen, Hitlerbilder. "Aber was genau an der Geschichte dran war, wusste damals keiner. Wir waren nur total geschockt, keiner hätte für möglich gehalten, dass unser Musiklehrer ein Extremist ist", erinnert sich Nicole Martens aus der 11a noch gut.

Gestern wurde Guido S. vom Schweriner Landgericht wegen Beihilfe zum Brandanschlag auf den Asia-Imbiss zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Plus Geldstrafe von 500 Euro. Die beiden jungen Männer, die den Anschlag in Wismar ausführten, wurden wegen versuchten Mordes und versuchter schwerer Brandstiftung zu zweieinhalb sowie dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Die Staatsanwaltschaft kündigte postwendend Revision an. Sie plädiert für höhere Haftstrafen. Der Lehrer habe gewusst, dass sich in dem Imbiss Menschen befinden können und sei damit auch der Beihilfe zum Mordversuch schuldig. Auch für die 19-Jährigen will die Anklagevertretung höhere Strafen.

Im Sonnenkamp-Gymnasium ist gerade Unterrichtsschluss, als das Urteil fällt. Wochenend-Laune bei den Lehrern. Wie sie das Urteil finden, wollen sie nicht kommentieren. "Dafür ist die Schulleiterin zuständig." Die allerdings ist "leider nicht erreichbar", bedauert die Sekretärin und verrät nur soviel: "Wir haben Weisung aus dem Kultusministerium, nichts zum Fall zu sagen."

Nicole Martens darf etwas sagen und hat auch Courage genug dafür. "Ich finde, das Urteil ist zu milde", meint sie. "Immerhin hat er mitgemacht beim geplanten Anschlag. Er hätte was dagegen unternehmen müssen." Hass auf Guido S. hat die 17-Jährige trotzdem nicht. "Ich würde ihn sogar grüßen, wenn ich ihn treffe" Es ist nur Enttäuschung, dass der Lehrer ihr Vertrauen missbraucht hat. "Ich könnte keinen Unterricht mehr bei ihm haben", ist Nicole sicher. Nach Einigung mit dem Schweriner Kultusministerium wird Guido S. im Sommer aus dem Schuldienst scheiden.

Das Gymnasium liegt friedlich hinter der Hecke. Es ist wieder alles in Ordnung.

MANUELA PFOHL

Ostseezeitung

10.05.2003
Von Biedermännern und Brandstiftern - Bewährungsstrafe für Lehrer nach versuchtem Anschlag

Schwerin Ein Gymnasiallehrer ist gestern wegen Beihilfe zum Brandanschlag auf einen Asia-Imbiss zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt worden.

Von Corinna Pfaff

Dem 37-jährigen Gymnasiallehrer war die Erleichterung ins Gesicht geschrieben: Er muss vorerst nicht wieder ins Gefängnis. Gestern verurteilte ihn das Landgericht Schwerin wegen Beihilfe zur versuchten Brandstiftung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr. 500 Euro muss er zudem für den Wiederaufbau der Georgenkirche in der Wismarer Altstadt zahlen.

Das Denkmal steht ganz in der Nähe des Asia-Grills, der an jenem Novemberabend im vorigen Jahr in Flammen aufgehen sollte. Ein Anschlag, den zwei 19-jährige Skinheads aus Wismar ausüben wollten. Wären sie nicht von einem Zeugen beobachtet und dann von der Polizei auf frischer Tat ertappt worden. Guido S. - zuletzt Musiklehrer am Gymnasium Neukloster - hatte ihnen einen Benzinkanister gegeben, sie zur Tankstelle und dann in die Nähe des Tatorts gefahren.

Die beiden jungen Männer wurden gestern wegen Mordversuchs und versuchter schwerer Brandstiftung zu zweieinhalb sowie dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Sie sind - juristisch - die Haupttäter. Das öffentliche Interesse jedoch galt vor allem dem Lehrer. Er würde kein Haus anzünden, sagte er im Prozess. "Das schadet der Sache", habe er auch den beiden, reichlich betrunkenen Männern unmittelbar vor der Tat gesagt, als sie zu dritt in trauter Runde in Guidos Wohnung in Wismar saßen. Eine Wohnung über zwei Etagen, die der Mann aus Nordrhein-Westfalen mit Bedacht gewählt hatte. Die untere Etage bewohnte der "Biedermann". Hier empfing der leidenschaftliche Musiker seine Klavierschüler. Nach oben durfte nicht jeder. Die "Sammlerstücke" dort könnten schließlich allzu leicht einen geistigen "Brandstifter" vermuten lassen: Bomberjacke und Springerstiefel, die Karte des deutschen Reiches in der Hitler-Zeit, das Besteck mit den Hakenkreuzen, ein Hitlerporträt, die riesige Hakenkreuz-Fahne über dem Bett. Seine "national-deutsche" Gesinnung vertraute er nur wenigen Personen an. Diese Überzeugungen konnte er auch in dem Prozess nicht verbergen, wie der Vorsitzende Richter Horst Heydorn bei der Urteilsverkündung feststellte. Guido S. hat in dem Prozess von Beginn an behauptet, er habe gedacht, es solle lediglich eine leere "Asia-Bude" angezündet werden. Dass es sich um ein bewohntes Haus handelte, habe er nicht gewusst. Zudem milderte ein psychiatrisches Gutachten, das Guido S. eine Persönlichkeitsstörung bescheinigt, die Strafe. Der Richter sprach von einer Verbindung zwischen "deutsch-nationaler Gesinnung und nicht offen ausgelebten sexuellen Neigungen".

Der verurteilte Lehrer hatte den Ermittlungen zufolge bereits vor dem Prozess ein "historisches und erotisches" Interesse an der rechten Szene bekundet. "Wir sind mit dem Urteil sehr zufrieden", sagte Verteidiger Ullrich Knye am Ende des Prozesses. Das Gericht war seiner Auffassung fast vollständig gefolgt.

Die Staatsanwaltschaft ist weniger zufrieden. Sie will Revision gegen die Urteile einlegen. Das Strafmaß für die beiden jungen Männer sei zu niedrig. "Bei Guido S. gehen wir weiterhin von Beihilfe zum Mordversuch aus", sagte ein Sprecher der Behörde. Wird der Prozess noch einmal aufgerollt, droht Guido S. doch noch Gefängnis.

Schweriner Volkszeitung

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