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Auch das JAZ steht vor dem Aus

21.02.2009

Stadtmitte. Nach dem Rasenmäherprinzip hat das Jugendamt die Mittel, insbesondere für die Kinder- und Jugendarbeit, gekürzt. Jugendsenatorin Liane Melzer (SPD) hat 65 Beschlussvorlagen unterschrieben. Gut 400 000 Euro weniger sollen dieses Jahr in die Jugendarbeit fließen.

Jetzt kommt heraus, dass nicht nur der Jugendklub Pablo Neruda in Evershagen, der Verein Rat+Tat und das Jugendschiff "Likedeeler" vor dem Aus stehen (OZ berichtete). Auch das Jugendalternativzentrum (JAZ) in der Lindenstraße soll offenbar plattgemacht werden. Die Zuschüsse sind so reduziert worden, dass nicht mal mehr die Miete bezahlt werden kann. "Das ist ein Politikum", sagt Susanne Wolff. Sie sitzt für Bündnis 90 im Jugendhilfeausschuss. "Unsere Fraktion wird sich gegen die geplanten Streichungen im Jugendbereich wehren", sagt sie. Die Politik müsse sich überlegen, ob Kinder und Jugendliche noch im Mittelpunkt stehen sollen.

Protest kündigt auch Steffen Bockhahn (Linke) an. Bei klassischer Jugendhilfe müsse es nach Bedarf, nicht jedoch nach Kassenlage gehen. Conny Proske (SPD), Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses, räumt ein: "Wir sind jetzt an einem Punkt, wo nicht mehr alle Einrichtungen und Projekte gefördert werden können." Das werde richtig weh tun. Und das erste Mal würde der Jugendhilfeausschuss so richtig an Prioritäten gemessen werden.

Stephan Kurth ist seit 1992 ehrenamtlich als Sozialpädagoge im JAZ tätig. Das JAZ leistet in einem Team aus mehr als 50 ehrenamtlichen Mitarbeitern seit 17 Jahren unentgeltliche Arbeit. In mehr als 20 Projekten, unter anderem in einer Computer-und Fahrradselbsthilfewerkstatt, in Holz-, Metall- und Dekorationswerkstätten sowie einem Cafébetrieb mit 150 öffentlichen Veranstaltungen im Jahr, gibt es Angebote. "Wir erreichen mit unserer Arbeit 1200 Jugendliche aus Stadtmitte, der KTV und benachbarten Stadtteilen", sagt Kurth.

Künstlerische Projekte von fünf Kontinenten werden regelmäßig im JAZ vorgestellt. Das hohe Maß an nicht nur regionaler soziokultureller Betreuung, verbunden mit den vielschichtigen Freizeitangeboten für Jugendliche seien einzigartig in MV, sagt Kurth. "Die geplanten Kürzungen führen in das existenzielle Aus." Das befürchtet auch die Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt. Leiterin Regine Schregelmann und ihre zwei Kolleginnen nahmen vergangenes Jahr 629 Beratungen vor. Darunter für eine 16-Jährige, die in einer Wohngruppe lebt. Jahrelang war sie vom Bruder sexuell missbraucht worden. Die Eltern wussten es nicht. "Wir beraten die Opfer, machen klar, was es bedeutet, wenn Strafanzeige gestellt wird", sagt Regina Schregelmann. Es werde sehr viel tabuisiert, insbesondere, was innerhalb von Familien passiere. "Plötzlich sind dann alle überrascht." Wenn jetzt eine halbe Stelle wegfalle, würden Wartezeiten entstehen, die in Krisenfällen unverantwortlich seien. Auch die nötige Präventionsarbeit würde leiden. "Der Sextäter, der im Nordwesten der Stadt unterwegs ist, ist nur die Spitze des Eisbergs."

WOLFGANG THIEL

Ostseezeitung-Rostock

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