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22.04.2003
Auf der Spur nicht nur ihrer Landsleute - Junge Frau aus Frankreich vervollständigt Opferliste in Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin
Wöbbelin. Christine Rebouillat fühlt sich bei ihrer Arbeit in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin in ihrem Element. Die 25-Jährige aus dem französischen Sens (Burgund) absolviert hier ein Jahr Europäischen Freiwilligendienst.
Das ist ein Projekt, das von der Europäischen Union für Jugendliche von 18 bis 25 Jahren initiiert wurde und das in Christines Fall vom Förderverein Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin getragen wird. Insgesamt findet das Projekt Anklang bei jungen Leuten auf dem ganzen Kontinent. Schließlich ist es nicht nur für die Länder, deren symbolische Sterne auf dem blauen Banner der Europäischen Union prangen.
Mit Geschichte hat Christine eine ganze Menge am Hut, schließlich befasst sie sich auch beruflich mit Denkmalen und ihrer Kultur, studierte Museologie. Für das Projekt Freiwilligendienst hat sie sich nicht entschieden, um beruflich bessere Chancen in ihrem Land zu bekommen. In erster Linie ging es der jungen Frau aus Zentralfrankreich um die Erfahrungssammlung in anderen Ländern und Kulturen.
"Die deutsche Geschichte finde ich ganz besonders interessant", sagt Christine, und sie hebt die besondere historische Verbindung zwischen Deutschen und Franzosen dabei hervor.
Die Mecklenburger sind für sie toll; der Menschenschlag gefällt der Französin wegen der Engelsgeduld, mit der sie ausgestattet seien. Vielleicht spielt sie, die bereits seit September in Wöbbelin ist und inzwischen nahezu perfekt Deutsch spricht, auf die anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten an. Aber Christine hat sich richtig reingekniet, Sprachunterricht genommen, so dass die Kommunikation - immens wichtig für Geschichtsforschung wegen des Kontaktes mit Augenzeugen - mittlerweile reibungslos funktioniert.
Christines Schwerpunkt der Arbeit in Wöbbelin ist die Vervollständigung der Liste derer, die in dem ehemaligen Konzentrationslager umgekommen sind. Klar, dass ihre Landsleute dabei noch einen besonderen Stellenwert einnehmen. Alles soll jetzt in einer Datenbank erfasst werden.
Daneben läuft natürlich die intensive Vorbereitung auf den 2. Mai, wenn viele Gäste nach Wöbbelin kommen werden, um des 58. Jahrestages der Befreiung des damaligen Konzentrationslagers zu gedenken und auch das vor einiger Zeit geschändete Denkmal wieder einzuweihen. Und natürlich wird sich Christine in die Vorbereitung der beiden Workcamps von Jugendlichen, die für den Sommer wieder in der Gemeinde geplant sind, einbringen. Ein wenig gespannt ist die junge Frau schon auf einen Besucher, der sich für dieses Jahr angekündigt hat. Ein ehemaliger KZ-Häftling aus Frankreich traute sich 2002 das erste Mal wieder zurück an die vormalige Stätte seines Leidens. Er hat versprochen wiederzukommen.
Edeltraud Schure, die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin, ist des Lobes voll über Christines Engagement. "Sie ersetzt eine volle Arbeitskraft", sagt sie anerkennend.
Christine Rebouillat gehört nicht zu jenen Geschichtsinteressierten, die sich hinter Büchern vergraben. Kontakt mit Menschen schätzt sie sehr. Ein solches Highlight war die Begegnung mit dem ersten Kosmonauten der ehemaligen DDR, Sigmund Jähn. Aber auch in ihrer Freizeit sucht die junge Museologin Kontakt. Neben der Weitervervollkommnung der Kenntnisse in der deutschen Sprache besucht sie regelmäßig einen Keramikkurs im Ludwigsluster Zebef sowie einen Fotografiekurs in Schwerin.
Beeindruckend empfand sie neben der Stippvisite bei einer Landtagssitzung im Schweriner Schloss die Ausstellung zu den Opfern von Diktaturen, die am Schweriner Demmlerplatz an authentischer Stelle stattfand - in den Zellen früherer Gefangener. "So ein Jahr Europäischen Freiwilligendienst kann ich nur jedem Jugendlichen empfehlen", schätzt Christine ein und meint damit die glänzende Möglichkeit, seinen Horizont zu erweitern. Wer Näheres darüber wissen möchte, kann sich bei ihr in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin erkundigen.
Schweriner Volkszeitung-Ludwigslust
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