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02.04.2003
Aufstand in Klassenräumen und Hörsälen - Jugendliche lösen massive Protestwelle aus - Steffen Bockhahn ist einer von ihnen

Rostock "Stoppt den Krieg" - mit Parolen, Transparenten und viel Wut im Bauch demonstrieren tausende Menschen in Mecklenburg-Vorpommern gegen den Bombenhagel, der im Irak Tote und Krater hinterlässt. Vor allem Schüler und Studenten drängen immer wieder auf die Straßen, die zum Frieden führen sollen. Steffen Bockhahn ist einer von ihnen.

Von Helge Ahrens

Ein kleiner Anstecker an der schwarzen Lederjacke ist das Markenzeichen des 24-Jährigen: eine blaue Friedenstaube. Steffen Bockhahn unterstützt die Protestwelle, die seit Monaten durchs Land rollt. Aktiv. Aus Überzeugung. "Es macht mich wahnsinnig, dass im Irak Kinder und Zivilisten getötet werden, nur weil George W. Bush Krieg führen will", sagt der Student mit verächtlichem Unterton.

Bockhahn ist Mitglied im Rostocker Friedensbündnis. Mehr als 30 Vereine, Verbände, Parteien und Einzelpersonen organisieren gemeinsam den Protest in der Hansestadt. Der 24-Jährige formt die Hände zu einem Ball. "Die breite Masse zeigt, dass die Ablehnung zum Krieg überdeutlich ist." Die breite Masse, das sind vor allem Jugendliche. Selten zuvor haben sie so massiv auf sich aufmerksam gemacht. Bockhahn: "So weit kann es mit der Politikverdrossenheit nicht her sein." Auch in der Hansestadt sind die Signale unüberhörbar. Fünfmal haben die Rostocker bereits mit den Füßen abgestimmt.

Größte Demonstration in Rostock seit 14 Jahren

Der erste, 2000 Personen mächtige Zug bahnt sich im Oktober den Weg durch die Stadt. Steffen Bockhahn hält eine Rede auf dem Universitätsplatz. Die Demonstration im Januar geht weit darüber hinaus: 5000 Rostocker prangern die Kriegspläne der USA an. Es ist die größte Demonstration seit 14 Jahren.Der Protest der Schüler hat eine neue Dimension erreicht. Für Bockhahn ist das Phänomen jedoch nicht neu. Er war lange vor dem Irak-Krieg politisch engagiert. Als Schulsprecher organisierte er eine Demo in Schwerin. Es ging nicht um den Weltfrieden, sondern um die Schulpolitik: die Besetzung von Gremien, und Schulsanierung . Seitdem ist er in der PDS. Jetzt studiert er Politik und Geschichte.

Trotz des Einsatzes: Der einstige Schülerprotest blieb erfolglos. Eine Parallele zum Irakkrieg? Steffen Bockhahn wiegelt ab. Das Friedensbündnis sei Teil einer globalen Bewegung. Diese verliert bis heute nicht an Schlagkraft. Am 20. März heißt es auch in der Hansestadt nicht mehr "Nein zum Krieg", sondern "Stoppt den Krieg." Das Ultimatum ist abgelaufen. Der Student verpasst via Mattscheibe die ersten Bomben, die im Irak einschlagen. Er schläft: "Aber ich wusste, dass es passiert." An die Stelle von Wut tritt eine "organisatorische Gelassenheit". Der 24-Jährige plant den ganzen Tag die Demonstration mit.

Schüler trotzen Verboten: "Krieg ist Moppelkotze"

Die Protestwelle am Tag X ist überwältigend: Zigtausend Schüler ziehen durch die Städte. 10000 Jugendliche demonstrieren in Dresden, 2500 in Potsdam, auch durch Schwerin hallen Schülerrufe. In Rostock boykottieren 8000 Schüler den Unterricht, lassen sich von Verboten nicht stoppen. Selbst ein Rektor, der die Türen des Schulgebäudes verriegelt, kann die Jugendlichen nicht aufhalten. Einige springen aus den Fenstern.Spätestens jetzt ist klar, dass der Widerstand gegen den Krieg auch ein Aufstand in den Klassenzimmern ist: 13-Jährige bemalen sich mit Friedenszeichen, 15-Jährige gestalten Plakate. Bockhahns Lieblingstransparent: "Krieg ist Moppelkotze". Besser lässt sich die Stimmung kaum beschreiben. "Wut, Trauer, Ohnmacht - das konnte ich in den Gesichtern sehen."

Was am Tag X tatsächlich im Irak geschehen ist, realisiert der 24-Jährige erst, als er einem in Rostock lebenden Iraker in die Augen blickt, der bei der Abschlusskundgebung auftreten wollte. Doch dazu ist er nicht in der Lage. Seine Familie verteilt sich im Irak gerade auf verschiedene Häuser, um nicht gemeinsam zum Opfer einer Bombe zu werden. "Das geht einem gewaltig an die Wäsche", sagt Bockhahn. Seine blauen Augen verengen sich zu Schlitzen. "Da hatte ich zum ersten Mal an diesem Tag Tränen in den Augen."

Eines ist sicher: Der Protest geht weiter. Steffen Bockhahn tippt auf seine Friedenstaube: Er ist nur einer von vielen, die sich gegen den Irak-Krieg wehren. Ob mit Demonstrationen, Lichterketten oder Mahnwachen: das "Nein zum Krieg" soll deutlich zu spüren bleiben. Doch lässt sich dadurch die Militärmaschinerie aufhalten? Der Student glaubt daran: "Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber hoffentlich bald."

Schweriner Volkszeitung

02.04.2003
Aktionen mit Stift und Friedenstaube


"Gibt es keine andere Lösung?"
"Krieg ist der Feind aller Menschen. Gibt es keine andere Lösung?", fragt Michael Lippold (12) in seinem Gedicht. Mit anderen Kindern der Wittenberger Jahn-Grundschule protestierte er gegen den Krieg. Sie bastelten Friedenstauben, die sie an eine Friedensbirke hängten. Andere Schulen schlossen sich an. "Soll Bagdad aussehen wie Dresden 1945?", fragten Perleberger Gymnasiasten auf ihrer Demonstration. Saskia von Swinotek aus der 11. Klasse des Gymnasiums Wittenberge, lud Lokalpolitiker zu einem Forum ein. Die Ergebnisse sind auf einer Plakatwand zu sehen. Breeser Grundschüler ließen Luftballons steigen: "Wir können nicht zuschauen, wenn unschuldige Menschen sterben", so Friedensbeauftragte Doris Mair.

Unterschriften und Sternmarsch
Nachdem sie im Unterricht über den Irak-Krieg sprachen, startete die Klasse FGW 21 des Fachgymnasiums Wirtschaft der Beruflichen Schule des Landkreises Ludwigslust spontan einen Aufruf zur Demonstration. Er hat Widerhall in den anderen Schulen der Lindenstadt gefunden. Neben einem Sternmarsch auf das Ludwigsluster Rathaus planen die Schüler eine Unterschriftensammlung. Die Proteste sollen der amerikanischen Botschaft zugesandt werden. "Wir zeigen damit, dass auch in einer Kleinstadt Aktionen gegen den Krieg möglich sind", sagt Mitorganisatorin Christin Kühne. Lehrer Torsten Hyzy schätzt, dass sich etwa 1500 Menschen vor dem Ludwigsluster Rathaus einfinden.

Angst und Wut aufgeschrieben
Im Gadebuscher Mädchentreff machten sich 30 Mädchen Luft. Sie schrieben ihre Wut und Ängste auf den Bauch des Friedensvogels. "Krieg ist keine Lösung", waren sie sich einig. Viele Schüler des Grevesmühlener Gymnasiums beteiligten sich am Wochenende am Protestmarsch durch die Kreisstadt. "Wir gehen mit, weil man Farbe bekennen muss", sagte die 16-jährige Ulrike Freitag. Kerzen und ein Peace-Zeichen aus Pappe machten das Anliegen deutlich. Ebenfalls um ein Peace-Zeichen geht es Donnerstag in Rehna. Schüler wollen sich so aufstellen, dass ihre Körper das Symbol auf dem Pausenhof formen.

Schweriner Volkszeitung

02.04.2003
Nachgefragt bei Hans-Robert Metelmann, Bildungsminister von MV (parteilos) - Nach Schulschluss demonstrieren


Frage: Im Saarland herrscht Demonstrationsverbot für Schüler, NRW droht mit Bußgeld. Müssen Schüler in MV bei Aktionen gegen den Irak-Krieg in der Unterrichtszeit auch weiterhin nicht mit Disziplinarmaßnahmen rechnen?

Metelmann: Wir können nicht engagierte Schüler wollen, ihnen aber dann die Teilnahme an friedlichen Aktionen gegen den Irak-Krieg verbieten. Deshalb wird es in MV rückwirkend keine Disziplinarmaßnahmen geben. Die Zeit der spontanen Proteste, wie zu Beginn des Krieges, ist allerdings vorbei. Bei der Organisation von Demonstrationen sollte jetzt, auch im Interesse der Schüler, die versäumte Unterrichtsinhalte nachholen müssen, darauf geachtet werden, dass sie außerhalb der Schulzeit liegen. Hintergründe zur Situation im Irak sollten in den Unterricht eingebunden werden.

Frage: Können Schulleiter verbieten, dass Schüler an Protestveranstaltungen teilnehmen?

Metelmann: Ein generelles Verbot durch den Schulleiter widerspricht meinem Demokratieverständnis. Die Schüler müssen allerdings wissen, dass sie gegen geltendes Recht verstoßen und auf eigene Gefahr handeln.

Frage: Wie ist die rechtliche Absicherung bei Schülerdemos?

Metelmann: Die Schüler nehmen auf eigene Verantwortung teil. Haftung und Aufsichtspflicht der Schule enden mit dem Verlassen des Schulgeländes.

Interview: Angela Hoffmann

Schweriner Volkszeitung

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