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21.03.2003
Bangen um das Leben ihrer Familien - Exil-Iraker sitzen gespannt vor den Fernsehern - Angst vor amerikanischer Besatzung
Schwerin Bilder von Bombeneinschlägen in Bagdad flimmern via Satellit in die Schweriner Werderstraße. Es sind Bilder eines arabischen Fernsehsenders. In der Wohnung von Muchtar al Madjid (43) sitzen Verwandte und Freunde. Gebannt verfolgen sie die Ereignisse in ihrer irakischen Heimat.
Von Mathias Gröckel und Timo Weber
"Er hat auch niemanden erreicht", sagt Heithem Abdulah und legt sein Handy wieder auf den Wohnzimmertisch. "Auch ich habe heute bereits gut zehnmal vergeblich versucht, meine Mutter in Bagdad zu erreichen - aber die Leitungen waren besetzt", sagt der 32-Jährige resigniert. "Aber das ist auch kein Wunder", fügt er fast entschuldigend hinzu, "wenn vier Millionen Auslands-Irakis zeitgleich versuchen, ihre Angehörigen in der Heimat zu erreichen, brechen unsere Leitungen zusammen."
Keine Flucht: "Bagdad bleibt mein Zuhause"
Gestern Nachmittag hatte Heithem Abdulah mehr Glück: "Meine Mutter hat zu mir gesagt: ,Ich weiß, es kommt der Tod. Aber ich verlasse nicht mein Zuhause.' Nach diesem Telefonat habe ich noch mehr Angst um meine Mutter."So wie Heithem Abdulah geht es vielen der 289 Iraker, die vom diktatorischen Regime vertrieben wurden und seit mehreren Jahren in der Landeshauptstadt leben. Seit Mittwochabend sitzen Muchtar al Madjid und seine Frau, sein Bruder Wadjid (42) und Masaud Siany (46) und Abdulah in der schmuck eingerichteten Wohnung der sechsköpfigen Familie Muchtar in der Schweriner Werderstraße und verfolgen gebannt die Bilder, die die arabischen Sender Al Jazira und Al Arabia aktuell liefern. Während am Vormittag die fünfte Scud-Rakete des irakischen Diktators Saddam Hussein auf dem Bildschirm in der kuwaitischen Wüste einschlägt, greift Hausherr Muchtar al Madjid erneut nervös zur Zigarette, obwohl er die letzte eben erst ausgedrückt hat.
"Ich kann seit gestern Abend weder essen noch schlafen oder heute arbeiten", sagt Heithem Abdulah. "Ich will nur wissen, wie es meiner Familie geht und vor dem Fernseher verfolgen, was zu Hause passiert."
Während Muchtar al Madjids Frau frischen gesüßten Kaffee in gelben Mokka-Tassen serviert, klingelt erneut ein Handy. Doch auch jetzt hat Bruder Wadjid keine andere Antwort: "Ich weiß leider auch nichts Neues." Dennoch sieht man dem 42-Jährigen an, dass es ihm gut tut, von Freunden aus den entferntesten Regionen der Bundesrepublik zu hören. Die gemeinsame Sorge um die Angehörigen in der bombardierten Heimat macht alle Exil-Iraker derzeit zu einer großen Familie. "Sunniten, Schiiten, Kurden, Turkmenen oder Araber - das spielt für uns keine Rolle. Glauben Sie Peter Scholl-Latour kein Wort. Wir sind ein Volk und lieben uns alle", sagt Muchtar, der als Turkmene seit Jahren mit einer Araberin verheiratet ist.
Angst vor einem Giftgas-Angriff wächst
Tränen kommen dem Familienvater in die Augen, als er an den Mittwochabend denkt: "Ich habe meine Mutter in Kerkuk im Nordirak gestern gesprochen. Sicherheits-Soldaten waren gestern zu ihr gekommen und haben angeordnet, dass sie in einem Zimmer die Fenster mit Nylon verkleiden und dort auch Lebensmittel und Wasser deponieren soll." Für Muchtar ein Alarmzeichen. Denn: "Ich habe im iranisch-irakischen Krieg als Offizier erfahren müssen, dass diese Order nur bedeuten kann, dass ein Giftgas-Angriff bevorsteht." Natürlich kennt er die der auf den beiden staatlichen irakischen TV-Sendern wiederholten Argumente des von ihm verhassten Diktators, die Amerikaner würden nicht vor dem Einsatz chemischer Kampfstoffe zurückschrecken. Aber: "Auch Saddam hat schon bewiesen, dass er sein Volk mit Giftgas tötet."
"Meine Töchter haben am Telefon nur geweint"
Wieder klingelt ein Handy. Masaud Siany kann aber auch dieses Mal nur sagen: "Auch ich habe niemanden zu Hause erreicht." Aus dem Irak nach Deutschland zu telefonieren, sei ohnehin nicht möglich. "Gestern Abend habe ich meine Mutter in Kerkuk erreicht. Muchtar: "Meine Tochter Ayha (14) hat zehn Minuten mit ihrer Großmutter telefoniert - beide haben kaum miteinander geredet, sondern nur geweint." So oft wie nie zuvor ist Muchtar mit den Fragen seiner Töchter Ayha und Noor (13), die beide auf dem Schweriner Gymnasium Fridericianum lernen, konfrontiert, wie seit gestern. "Sie wollen die irakische Geschichte verstehen", sagt der Vater und greift - mit dem Blick auf die aktuellen Bilder aus dem Fernseher - nach der nächsten Zigarette.
Krieg bedeutet für Familie al Muchtar nichts Neues. Sohn Mahmud (17), der auf die Schweriner Johannes-R.-Becher-Schule geht, hat den ersten Golf-Krieg 1991 in der Heimat hautnah miterlebt. "Er hat heute noch mehr Angst als seine Geschwister, weil er genau weiß, wie schrecklich Krieg ist, ", sagt sein Vater.
Die Sorge ist berechtigt: Heute seien die Lebensmittel im Irak doppelt bis viermal so teuer wie noch noch vor einer Woche, erzählt Muchtar. Unzählige verließen ihre Heimat in Richtung unbewohnte Wüste, um dem Bombardement zu entgehen. "Manchmal wäre ich glücklicher, meine Mutter hätte das auch getan", sagt Muchtar und nimmt den nächsten Anruf eines Freundes auf seinem Handy entgegen. Vorgestern seien die Städte im Irak noch voller Leben gewesen. Doch nach unzähligen Hamsterkäufen seit dem USA-Ultimatum sind die Städte nahezu verwaist. Viele haben sich zu Hause verschanzt oder auf den Weg in die unwirtlichen Gebiete jenseits der Städte begeben.
Nur zensierte Berichte aus dem Irak
"Wir haben hier viel mehr Angst, als unsere Landsleute zu Hause", sagt Masaud Siany. "Denn wir sind in Deutschland viel besser informiert." Natürlich weiß er, dass seine Verwandten nicht nur auf die beiden von Saddam Hussein kontrollierten Fernsehsender vertrauen. Heithem Abdulah: "Deshalb hören unsere Familien internationale Radiosender ab. Da gibt es wenigstens etwas mehr echte Berichterstattung."Gerade deshalb schauen die Exil-Iraker in der Werderstraße gespannt auf den Fernseher. Die Live-Bilder aus Bagdad des Senders Al Jazira, der gute Beziehungen zum Al-Quaida-Netz von Osama bin Laden hat, saugen sie förmlich auf. Gerade wird die Ansprache Saddam Husseins wiederholt. Beiläufig kommentiert Wadjid al Muchtar: "Das ist doch nur einer der Doppelgänger von Saddam."
"Unsere neue Heimat ist jetzt Deutschland"
Noch während der Diktator spricht, offenbart sich für die Exil-Irakis das emotionale Dilemma. Natürlich wollen sie ihren Peiniger, wegen dem sie ihre Heimat verlassen mussten und der viel Leid über ihre Angehörigen gebracht hat, so schnell wie möglich loswerden. Doch dem selbst ernannten Befreier Amerika trauen sie ebenso wenig. "Verteidigungsminisster Donald Rumsfeld hat sich in den 80er-Jahren immer wieder mit Saddam im Kampf gegen den Iran getroffen. Die USA haben Saddam und seinen Clan erst stark gemacht", sagt Muchtar al Madjid. "Natürlich würde ich nach dem Krieg gern in meine Heimat zurück kehren", sagt der Iraker. "Aber ich habe hier eine Heimat gefunden. Meine Töchter sprechen heute besser Deutsch als Arabisch." Und während erneut ein Handy klingelt sagt der Vater: "Sie sollen eine bessere Zukunft haben."
Schweriner Volkszeitung
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21.03.2003
"Der Angriff löst die Probleme der Region nicht" - Exil-Iraker und Einwohner der Region sprechen den Vereinigten Staaten von Amerika ein Recht zum Waffengang ab
Pasewalk (rm). "Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, so empört es mich, was jetzt im Irak geschieht". Hans-Joachim Hartfiel hatte bereits am späten Mittwochabend die ersten Informationen zum Krieg der USA gegen den Irak erhalten. Der Pasewalker ist jetzt vor allem über die Folgen der militärischen Auseinandersetzung empört: Leiden würden nun vor allem die einfachen Menschen, meint er. "Ich bin 1944 geboren. Meine Mutter ist damals mit sieben Kindern aus Stargart geflohen. Es folgten Jahre im Flüchtlingslager", meint der Pasewalker, der bis zur Rente als Taxi-Fahrer in der Kreisstadt tätig war. Aus seiner Sicht geht es in diesem Krieg nur um Öl. "Die richtigen Drahtzieher werden sie sicher nicht bekommen."
Trotz Asyl gegen den Krieg
"Die Stimmung ist gedrückt. Bereits am Mittwochabend kamen einige Iraker ganz besorgt zu mir, weil sie befürchteten, dass der Krieg beginnt." Elke Caraca betreut im Pasewalker Asylbewerberheim auch die 16 Asylbewerber des Iraks zumeist kurdischer Nationalität.
"Der Angriff löst die Probleme der Region nicht. Es sterben nur Menschen", sagt Sarkomat Hanali, der seit dreieinhalb Jahren in Deutschland lebt. "Sadam Hussein ist sicher ein Verbrecher, George Bush ist aber schlimmer", meint er. Aus politischen Gründen, aus der Angst, das eigene Leben im Iran-Irak-Konflikt und später im Kuwait-Krieg zu verlieren, habe er den Irak verlassen. Trotzdem sei jetzt das schlimmste eingetreten, was er sich denken könne, denn aus seiner Sicht werde eine amerikanische Vorherrschaft folgen. "Der Krieg wird jetzt sicher solange dauern, solange ein irakischer Soldat lebt", ist er sich sicher. Denn die USA wollen eine absolute Kontrolle des Gebietes. Das werde sich das Volk nicht gefallen lassen.
Auch Tuanna Ahmed, seit sechs Jahren in Deutschland lebend, hegt tiefes Misstrauen gegen die amerikanische Administration: Diese habe im ersten Irak-Krieg 1991 die Kurden verraten als sie sich gegen Saddam Hussein erhoben haben. Husseins Einsatz chemischer Kampfstoffe habe damals zahlreichen Landsleuten das Leben gekostet - und die Weltgemeinschaft habe weggesehen. Interessant sei für ihn darüber hinaus, wie sich in den kommenden Wochen Russland verhalten werde: Das Land habe erst kürzlich einen Riesenkredit an den Irak ausgereicht. "Es kann leicht ein dritter Weltkrieg beginnen", sind seine Bedenken. Auch Tuanna Ahmed spricht den USA ein Recht ab, jetzt gegen den Irak militärisch vorzugehen.
Von einem Schock über den Kriegsbeginn spricht auch Ulrike Schulz, Pasewalk. "Die Entwaffnung des Iraks wäre friedlich möglich gewesen", ist die Überzeugung der 17-Jährigen.
Nordkurier-Pasewalk
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