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14.03.2003
Geschichten der Opfer gehen unter die Haut - Stralsunder Jugendtheater StiC-er überzeugt mit "Jubiläum" von Tabori

Stralsund (OZ) Mizi hat einen zuckenden Mund. Stets scheint er etwas sagen zu wollen, was er nicht sagen kann. Nur sehr langsam kann das Mädchen darüber berichten, was ihren Körper in Unordnung gebracht hat. Ihre Familie kam im Konzentrationslager um, Mizi selbst wird von anonymen Anrufern belästigt. Als sie dies erzählt, ist es schon zu spät. Mizi (Vera Züge) hat vor langer Zeit schon Selbstmord begangen. Paula (Kate Zühlsdorff) hat einen großen, roten Mund. Ihr langer schwarzer Ledermantel reicht bis zum Boden. Paulas Mund ist wie das ganze Mädchen überaus lebendig. Sie schreit Nazi-Pa-rolen und sprüht Hakenkreuze auf Grabsteine. Auch auf Mizis.

Dem Zuschauer vergeht dabei das Lachen nicht, es kann gar nicht erst entstehen. Zu ernst ist das Thema, zu drastisch die Darstellung. Dabei sollte der ursprüngliche Text durchaus zum Lachen anregen: Das Stück "Jubiläum" stammt von dem Dramatiker George Tabori, der in seinen Arbeiten Pathos und Betroffenheit zu vermeiden und durch Gelächter zu erreichen sucht, was gewöhnlich nur Furcht und Mitleid bewirken. Axel Zühlsdorff, der das Stück aus dem Jahr 1983 zusammen mit Jana Deters-Gonseth im STiC-er Theater inszenierte, verlagerte das Gewicht vom Grotesken weg zum Tragischen. Anlass ist der 70. Jahrestag der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, die Darsteller sind acht Stralsunder Gymnasiasten.

"Jubiläum" spielt auf einem Friedhof. Die Geister, die ihn bevölkern, sind schaurig anzusehen: Sie tragen wirres, graues Haar, ihre Gesichter sind bleich, die Zähne sind ihnen ausgefallen. Noch schlimmer als ihr Äußeres sind ihre Lebens- und Sterbegeschichten. Lotte und Arnold Stern (Maria Brauch und Konrad Löwe) kamen im KZ um, Mizi Stern starb an den Spätfolgen. Otto Flott (Albrecht Löwe) wurde als Homosexueller umgebracht, sein Geliebter Helmut Hansen (Thomas Krohn) erhängte sich als strammer Nazi. Wenn Menschen Kisten wären, könnte man ihnen ihre Geschichten einfach entnehmen. So aber stehen die Kisten als Grabsteine und Reisekoffer auf der Bühne, und die Figuren müssen die traurigen Tatsachen berichten. Dabei schlüpfen die Darsteller gekonnt von einer Rolle in die nächste, sie spielen Faschisten oder polnische Gastarbeiter und lassen dabei ein wenig von dem Witz hindurchschimmern, der Taboris grotesken Konstellationen innewohnt.

Holocaust und Drittes Reich lassen sich nicht im Rahmen weniger Geschichtsstunden abhandeln. Genau an dieser Stelle setzt Axel Zühlsdorff, Leiter des Theaters und Geschichtslehrer, mit seiner Inszenierung an. Zwar werde hierzulande breit über den Nationalsozialismus aufgeklärt, dennoch sei ein latenter Antisemitismus vorhanden. "Die Leute sind übersättigt", sagt Zühlsdorff und hofft, eingefahrene Wahrnehmungen durch Provokation gegen den Strich zu bürsten. Mit Erfolg: Die enge Nachbarschaft von lautem Lachen und stummem Schrei auf der Bühne ist überzeugend umgesetzt: Maria Brauch, die allein gelassen in einer Telefonzelle verzweifelt, Kate Zühlsdorff, der das Nazi-Gröhlen beängstigend flüssig über die Lippen kommt. Das hinterlässt im Zuschauer Spuren.

Die Inszenierung ist dazu angetan, den Ruhm des Stralsunder Theaters zu mehren. Mehrfach räumten die STiC-er in den vergangenen Jahren nationale und internationale Preise ab. 150 Jugendliche und Erwachsene besuchen Kurse in diesem kreativen Zentrum im Herzen der Hansestadt. Derzeit wird ein weiteres Gebäude mit Theatersaal und Probenräumen saniert. Aus Mitteln der Europäischen Union. Die Stadt Stralsund ist da etwas sparsamer und kürzte im vergangenen Jahr den Etat um 25 000 Euro. Für Zühlsdorff ein herber Einschnitt, bestehe doch durch kleinteilige Amputation von Fördermitteln die Gefahr, dass das gesamte Projekt in die Mittelmäßigkeit abrutscht. Von der es derzeit allerdings weit entfernt ist.

Nächste Vorstellungen: Sonnabend, 19.30 Uhr; Montag 18 Uhr

MATTHIAS SCHÜMANN

Ostseezeitung

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