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11.03.2003
Irgendwann einfach normal leben - Junger Schweriner erzählt vom schwierigen Ausstieg aus der rechten Szene

Schweriner Umland Er sieht nicht aus wie ein Rechter. Das ist für ihn Vergangenheit, ebenso wie die Zeit, in der er Autos knackte und Omas überfiel. Mario (Name geändert) wird demnächst 19, er ist schmal von Statur, mittelgroß, trägt kurzgeschnittene Haare, unterscheidet sich kaum von anderen jungen Leuten. Und doch hat Mario in seinem jungen Leben schon vieles mitgemacht.

Der heute Achtzehnjährige geriet schon früh "auf die schiefe Bahn". Sein älterer Cousin führte ihn in die rechte Szene ein. "Das ging in der 5. Klasse los", erzählt er. Zunächst bewunderte er ihn nur. Dessen Auftreten und Kleidung flößten ihm "Respekt" ein. Und es dauerte gar nicht so lange, bis der Schüler sich auch Springerstiefel und Bomberjacke besorgte. Aber dabei blieb es nicht.

"Wir haben Mopeds geklaut und Autos geknackt. Wir haben Omas und Opas überfallen", zählt er in einem Ton auf, der Reue erkennen lässt. "Wir haben damals ganz schön viel Scheiße gebaut", gesteht er. Zehnmal sei er straffällig geworden. Als Strafe leistete er u. a. gemeinnützige Arbeit. Für andere Straftafen muss er sich noch verantworten.

In der Schule ließen schon bald die Leistungen nach. Lust zum Lernen hatte er nicht mehr. Dafür war anderes angesagt. Man traf sich nach der Schule, trank auch mal Alkohol. Doch wesentlich mehr Geld wurde für Zigaretten ausgegeben. Drogen, so sagt Mario, habe er nie genommen. Heute ist auch Alkohol kein Thema mehr. "Ich bin Sportler, das gehört sich nicht", sagt er bestimmt.

In seiner Schule machte er aus seiner rechten Gesinnung kein Hehl. Im Gegenteil. Auch mit seiner Kleidung - obwohl an der Schule verboten - zeigte er, was er denkt. Er besorgte sich entsprechende Schriften und CDs, er las sehr viele Bücher, die es in Buchhandlungen nicht zu kaufen gibt, er gehörte zu denen, die die Judenverfolgung herunterspielten und meinten, Deutschland gehöre den Deutschen. Sein Zimmer schmückte er u. a. mit der Reichsfahne, er besaß Waffen, wie Messer und Schlagstöcke. Aber Mario interessierte sich auch für Musik. Er spielte in einer (rechten) Band Gitarre, aber nicht öffentlich.

Mario galt in der Szene als strammer Kamerad, der die Fähigkeit besaß, mit jungen Leuten umzugehen und sie für seine Ansichten zu gewinnen. "Das war damals an der Schule gar nicht so schwer", meint er.

Mario ging aus der 9. Klasse mit dem Abschluss der Hauptschule ab. Er suchte eine Lehre und schrieb über 30 Bewerbungen. Und er hatte Glück: Ein Betrieb stellte ihn ein. "Aber das war nicht das Richtete. Das hat mir absolut nicht zugesagt." Also schmiss er die Lehre, auch wenn er mit sich selbst unzufrieden war.

Anerkennung und Achtung holte er sich bei seinen Kameraden. Mit ihnen besuchte er Konzerte einschlägiger Gruppen - auch im Ausland, so in Frankreich und England. Er nahm an Kameradschaftstreffen teil, wo rechte Parolen verkündet wurden. "Wir hatten einen Hass auf Ausländer, Drogensüchtige, Kinderschänder, Vergewaltiger oder Asylbetrüger", erinnert Mario.

Mit 16 zog der Junge aus der elterlichen Wohnung aus, legte sich eine eigene Wohnung zu, denn mit seinen Eltern verstand er sich nicht mehr.

Von seinem leiblichen Vater hält er nicht viel. Er war noch klein, aber er bekam schon mit, dass der Vater seine Mutter schlug. Brutal. "Mein Vater war Alkoholiker und da setzte es oft was." Als der kleine Junge älter und kräftiger wurde, schlug er dann auch schon mal zurück - um seine Mutter zu schützen. Der Vater trennte sich von der Familie und seine Mutter heiratete später erneut.

"Mit meinem Stiefvater komme ich sehr gut klar. Er hilft mir, wo er kann." So beim Umzug in eine eigene kleine Wohnung und beim Schreiben von Bewerbungen. "Er gibt mir auch Geld. Wenn ich den nicht hätte..." Mario selbst hat kein Geld. Sozialhilfe bekommt er nicht, Arbeitslosengeld auch nicht. Seine Mutter und sein Stiefvater bezahlen ihm auch die Miete.

"Meine Mutter hat sehr darunter gelitten, dass ich in der rechten Szene war. Sie wollte unbedingt, dass ich da wieder rauskomme", sagt er. Und ich wollte es irgendwann auch." Denn die viel gepriesene Kameradschaft unter den Rechten "kann man wegschmeißen". Sie tauge nichts. Heute habe er weniger Freunde, die man an einer Hand abzählen kann, die aber sind ehrlicher und aufrichtiger, meint er.

Die Wende im Leben Marios trat vor knapp einem Jahr ein. Der Stiefvater habe ihm mitgeteilt, dass seine Mutter schwer krank ist, krebskrank. Und zu Hause leben noch zwei jüngere Geschwister.

Sich von den "Kameraden" und ihren Gesinnungen loszusagen, ist aber nicht so einfach. Diese Erfahrung musste der junge Mann in den zurückliegenden Wochen sammeln. Er erzählt von einer Begegnung, die er wohl Zeit seines Lebens nicht vergessen wird: "Es war morgens, so gegen 5 Uhr. Da hämmerte es an der Tür oder am Fenster. Ich mache die Tür auf und schon stehen mehrere ,Kameraden' im Zimmer."

Sie hatten ihn in seinem neuen Zuhause aufgespürt, wollten ihn "überzeugen", wieder einer der ihren zu sein. Aber Mario wollte nicht mehr dazugehören.

Die Besucher zeigten dem Aussteiger, was sie davon hielten: Sie schlugen mehrfach und heftig zu: "Sie haben mir die Zähne ausgeschlagen und mein Nasenbein gebrochen." Er flog auf einen Glastisch und erlitt Schnittverletzungen. Dass das gesamte Mobiliar kurz und klein geschlagen wurde, war das kleinste Übel.

Doch für Mario ist der Schlussstrich endgültig. Mit aller Konsequenz: Deshalb erstattete er gegen die brutalen Schläger Anzeige. Einer dieser jungen Männer ist bereits verurteilt und büßt seine Strafe ab. Aber seitdem ist Mario auch selbst auf der Flucht: Vor seinen Peinigern. Deshalb wohnt er abwechselnd mal hier und mal da - immer auf der Hut, entdeckt werden zu können. Ein tolles Leben sei es nicht, das er momentan führe. Ganz allein zu bleiben, davor fürchte er sich. "Manchmal hab ich richtig Schiss."

Unbegründet ist seine Angst nicht. Ein völlig Unschuldiger wurde auf der Straße zusammengeschlagen, nur weil er Mario ähnlich sah. "Die haben mich mit ihm einfach verwechselt." Das schmerzt; nicht körperlich aber seelisch.

Gefragt nach seinen Wünschen für die Zukunft, sagt Mario: Das Schönste wäre, wenn meine Mutter wieder gesund wird und unsere Familie normal leben kann."

Wünsche für sich selbst habe er nicht. Er wisse, dass er sich in diese Lage gebracht hat, dass er einigen Leuten sehr weh getan hat. Aber vielleicht sei ja irgendwann auch für ihn ein normales Leben möglich, so hofft er.

Auf dem Weg dorthin stehen Mario Begleiter zur Seite. Keine falschen Kameraden. Wenn möglich, möchte der Achtzehnjährige die 10. Klasse nachholen und später Sozialpädagoge oder Streetworker werden.

Heidrun Pätzold

Schweriner Volkszeitung-Schwerin

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