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07.03.2003
Die Erinnerung wachhalten - Rostocker Verlag bringt von Nazis verbotene Werke heraus

OZ-Bild

Angelika Bruhn ist Geschäftsführerin des Rostocker BS-Verlags.

Rostock (OZ) Auf der Leipziger Buchmesse Mitte März werden sie schon einmal als Dummys ausgestellt. Bücher, die die Nazis auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt haben, sollen neu verlegt werden. "Das verbrannte Buch" heißt die Reihe, die der BS-Verlag Rostock herausbringen will.

Auf diese Idee kamen Verlagschefin Angelika Bruhn und Mitarbeiter Manfred Ehrlich, als sie sich an ein geliebtes Jugendbuch erinnerten und feststellten, dass es die Nazis verboten hatten: "Die Rache des Kabunauri" von der polnischen Autorin Helena Bobinska. Wenn schon diese Geschichte über Blutrache im fernen Kaukasus nicht erscheinen durfte, sagten sie sich, sollte man sich den Index mit den 12 000 eingetragenen Namen einmal genauer ansehen. Denn die Nazis haben bis 1941 peinlich genau Buch geführt.

"Im Bewusstsein der Öffentlichkeit sind vor allem die berühmten Autoren, deren Bücher 1933 unter großem propagandistischen Rummel verbrannt wurden, wie Bert Brecht und Erich Kästner", argumentiert Angelika Bruhn. "Die wurden später auch oft verlegt. Wer sind aber die anderen, weniger bekannten, die auf die Liste kamen?"

Sie stießen auf eine Reihe von Autoren, die sie jetzt für den Druck vorbereiten. Darunter der Christ Bruno Theek, Pfarrer in Ludwigslust, der das Büchlein "SOS - Jugend am Kreuz" schrieb. Der Autor der Schrift "Die Künstler" Emil Utitz war Jude. Der Philosoph arbeitete an der Universität Rostock. Auf dem Index steht sogar ein Buch, das im 18. Jahrhundert geschrieben wurde: "Nachrichten von den Pelew-Inseln" stammt aus der Feder des Engländers Georges Keate. Darin geht es um einen Schiffbruch, der glücklich ausgeht. Der Makel: Es ist von dem Schriftsteller und Völkerkundler Georg Forster (1754 - 1794) übersetzt worden, dessen Werk die Nazis verboten hatten. Warum, ist noch herauszufinden.

Kopfzerbrechen bereitet auch der Band "Fliegerschicksale" von Bruno Strauss. Wieso steht der Autor auf der Liste, obwohl er doch Hitlers Luftwaffenchef Göring lobte? Prof. Karl-Heinz Jügelt, ein profunder Kenner speziell der Rostocker Bücherverbrennung, vermutet: "Das passte Ende der 30er-Jahre nicht in die Kriegsvorbereitung der Nazis." Der Autor mehrerer Publikationen über die Bücherverbrennungen ist bereit, dem Verlag zu helfen. Trotzdem nennt er das Projekt "eine schwierige Kiste".

Auch Angelika Bruhn hat gemerkt, dass ihr Verlag dafür zu klein ist. Da müssen Hinterlassenschaften der Reichsschrifttumskammer durchgesehen werden. Da sind Rechte des Nachdrucks zu erwerben. Da ist textkritisch nach Kürzungen und Einlassungen zu fahnden.

Deshalb gründete sie mit ihrem Mitarbeiter die "Interessengemeinschaft Bücherverbrennung 1933 e. V.". "Mit dem Verein sollen öffentliche Mittel aufgebracht werden, um die Geschichte der verbrannten Bücher aufzubereiten", erläutert dessen Vorsitzender Johann Scheringer. Er plant darüber hinaus Veranstaltungen zum 70. Jahrestag der Bücherverbrennungen. In Rostock z. B. am 5. Mai vor der Universität. Vier Tage später werde eine Magisterarbeit vorgestellt, in der die Verstrickung der Studenten in die Organisationsstruktur des Naziregimes dargestellt werden soll. Auf dem Kolloquium komme auch der Schriftsteller Ulrich Frohriep zu Wort, der den Landesverband der Schriftsteller im Verein repräsentiert. Auch in Neustrelitz und Greifswald soll es Veranstaltungen geben.

Warum beschäftigen sich nach so langer Zeit ein Verein und Verlag mit der Bücherverbrennung, die nicht einmal ein gutes verlegerisches Geschäft zu werden verspricht? Angelika Bruhn verrät das Motiv: "Man muss die Erinnerung daran wachhalten. Dass so etwas - im weitesten Sinne - nie mehr passiert."

HORST KRIEG

Ostseezeitung

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