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25.02.2003
Jüdische Persönlichkeiten aus M-V dem Vergessen entrissen - Siegfried Marcus gehört neben Daimler und Benz zu den Erfindern des Autos. Er ist einer von 100 Juden, deren Verdienste in einer Ausstellung in Rostock gewürdigt werden.

NK-Bild

Siegfried Marcus stammt aus Malchin und gilt als Erfinder des Automobils.

Rostock (ddp) Ein wenig tragisch liest sich die Biografie von Siegfried Marcus schon. 131 Patente meldete der 1831 in Malchin geborene Erfinder an. Doch keines davon wurde industriell umgesetzt. Geldmangel und gesundheitliche Probleme verhinderten, dass sein größtes Werk, der Marcuswagen, zu einem brauchbaren Fahrzeug entwickelt wurde.

Schließlich war es der Techniker, der 1870 den ersten mobilen Explosionsmotor baute. Seine Fahrten mit einem einfachen, handwagenartigen Fahrzeug machten ihn zum Pionier der Benzinfahrzeuge. Er entwickelte einen Zünder, der dem später von Bosch eingeführten Magnetzünder nahe kam. Ein Problem war das Gewicht des von Marcus gebauten Fahrzeugs. Sein Prototyp brachte es auf 756 Kilogramm, die Gefährte von Daimler und Benz wogen nur ein Drittel davon.

"Dieses Gefährt hat wenig mit einem Auto von heute zu tun", sagt der Leiter des Technischen Landesmuseums Wolf Karge. "Es ist ein Leiterwagen, auf den ein Motor geschraubt wurde." Sein Schweriner Haus beherbergt einen Nachbau des Fahrzeugs.

Ein zweiter Nachbau steht in Malchin, der Geburtsstadt Marcus'. Das Original ist in Wien zu bewundern. "Die Besucher sind immer erstaunt, dass dies ein Auto ist", sagt der Museumschef. Vorne sind Holzräder angebracht, hinten Räder aus Metall. Ein Lenkrad, das jedes Kind braucht, wenn es Auto spielt, fehlt völlig. Immerhin ist es der Stadt Wien, in der Siegfried Marcus den Großteil seines Lebens verbrachte, ein Denkmal wert. Die österreichische Hauptstadt nennt ihn den "Erfinder des Automobils". Eine berufliche Schule trägt seinen Namen. Marcus ruht in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof. Auch in der Literatur ist er verewigt. Der Grazer Schriftsteller Emil Ertl nahm ihn als Vorlage für die literarische Figur des "Spinnerichs" in seiner Erzählung "Der Kilometerfresser", die 1927 erschien.

In Deutschland ist der Konkurrent von Daimler und Benz in Vergessenheit geraten. "Ein Werk der Nazis", sagt Karge, "die haben ihn damals aus allen Lexika gestrichen." Denn Siegfried Marcus war Jude.

Dieses Schicksal teilt Marcus mit vielen Zeitgenossen. Eine Ausstellung mit dem Titel "Hundert jüdische Persönlichkeiten aus Mecklenburg-Vorpommern" soll ab 22. Mai im Rostocker Max-Samuel-Haus darauf aufmerksam machen. Auf 250 Quadratmetern entsteht ein vielfarbiges Bild individueller Lebenswege und Entwicklungen. Jüdische Frauen und Männer haben vom 17. Jahrhundert bis 1933 mit zur wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, religiösen, kulturellen und sozialen Entwicklung von M-V beigetragen. Viele Leistungen sind durch Geschichtsverfälschung der Nazis in Vergessenheit geraten.

Dazu gehören der Neubukower Rudolf Goldschmidt, der die erste drahtlose Telegraphieverbindung in Hannover geschaffen hat; der Altstrelitzer Daniel Sanders, der das Wörterbuch der deutschen Sprache verfasste. Gewidmet ist die Ausstellung auch Aaron Issak aus Bützow, der im 18. Jahrhundert der Begründer der jüdischen Gemeinden in Schweden wurde; David Einhorn, der nach seiner Auswanderung die jüdischen Reformgemeinden in den USA beeinflusste, und dem Rostocker Historiker Yakoov Zur, der in Israel lebt.

(Infos: Max-Samuel-Haus, Schillerplatz 10, 18055 Rostock, Tel.: 0381/492 32 09)

RENATE HEUSCH-LAHL

Ostseezeitung

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