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22.02.2003
Hundeblick auf Nazi-Greuel - Michael Degen stellte in Rostock Roman vor

Bücher über die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands wird es immer geben, solange Menschen sich mit der Geschichte beschäftigen. So wird es auch Romane zur Thematik geben. Schauspieler Michael Degen legte einen weiteren dazu. Nach seinem viel beachteten Debüt "Nicht alle waren Mörder. Eine Kindheit in Berlin", das durchaus vor dem Hintergrund der Goldhagen-Veröffentlichung "Hitlers willige Vollstrecker" gelesen werden darf, stellte er am Donnerstag Abend in der Universitätsbuchhandlung Weiland seinen zweiten Roman vor: "Blondi".

Schäferhündin als Reinkarnation

Blondi klingt niedlich - als Name für eine Schäferhündin sogar putzig. Aber hinter dem Buchtitel "Blondi" steht eine grundsätzliche Auseinandersetzung. Degen fragt - und diese Frage ist berechtigt - was ist das Besondere an den Deutschen, dass diese Menschen noch 1923 an den besten Universitäten Europas studierten, 20 Jahre später einen Vernichtungsfeldzug gegen das jüdische Volk überall in allen europäischen Ländern organisierten? Und allein lässt er die Leser mit der Frage, wie es möglich war, dass die gleichen Menschen 1953 ihr Organisationstalent und ihren immensen Fleiß dazu einsetzten, die Bundesrepublik Deutschland zum wirtschaftlichen und demokratischen Musterland zu machen. Die Antwort verpackt Degen in eine faszinierende Romanidee. Er macht die tatsächlich von Adolf Hitler so geliebte Schäferhündin Blondi zu einer Reinkarnation. In ihr soll nach Willen des Autors die Seele einer Jüdin stecken, die viele Freuden und Leiden des jüdischen Volkes durchlebt hat und in einer der Gaskammern der deutschen Faschisten umgekommen ist.

Was Degen durch die Augen der Hündin sehen lässt, was er über ihr Denken und ihr Fühlen, was er über den inneren Führungszirkel der Nazis vermittelt, ist ein erschütterndes Bild pervertierter deutscher Werte. Das entgeht dem aufmerksamen Leser nicht, trotz oder gerade wegen der bewusst gehobenen Stilebene sowie des hintergründigen Humors, der in komödiantischen Klamauk genauso fallen kann, wie er zu bissiger Ironie wird, sobald der Autor mal die Täter, mal das Opfer ins Visier nimmt. "Ich wollte mit dieser Wiederverkörperung die Opfer möglichst nahe an die Täter heranführen", sagte er in der Diskussion zur Lesung. Das ist ihm gelungen. Aber mehr noch ist gelungen: Degen zeigt, dass die Deutschen schon so konditioniert waren, dass dieser kollektive Wahnsinn entstehen konnte. Hitler ist nur die Personifizierung. Wie er Blondi zurechtstutzte, abrichtete, dressierte, hat durchaus Parallelen zur nationalsozialistischen Konditionierung eines ganzen Volkes.

Sadistische Gelüste und groteske Hirngespinste

Für die Präsentation seiner Grundidee wählte er die so unterschiedlichen, aber doch so zusammenpassenden Passagen "Kuhflug" und "Zara Leander". Während sich in der einen die selbst ernannten Herrenmenschen an Tierquälereien delektieren, will in der anderen der Führer gehört haben, wie seine Schäferhündin Blondi das Gesangsniveau einer Zara Leander erreicht hat. Sadistische Gelüste und groteske Hirngespinste geben sich die Hand. Eine Verbindung, mit der Degen oft umgeht. Sprachlich interessant gestaltet, von einer starken Idee getragen, schlägt Degen eine feine Klinge, die sicher geführt wird. Ein empfehlenswertes Buch.

Wolfgang Dalk

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