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18.01.2003
Schläger aus rechter Szene jetzt in Haft - Polizei vermeldet Ermittlungserfolg - Vier Männer im Alter von 17, 20, 29 und 32 Jahren sind tatverdächtig

Prenzlau (cm). Der hiesigen Polizei ist gestern ein empfindlicher Schlag gegen die rechtsextreme Gewaltszene gelungen. Pressesprecher Burkhard Heise gab am Nachmittag auf einer Pressekonferenz in Prenzlau bekannt, dass in den Morgenstunden in Zusammenarbeit mit der Polizeidirektion Anklam die Wohnungen von vier mutmaßlichen Schlägern in Klockow (Altkreis Prenzlau), Löcknitz, Viereck und Fahrenwalde (Nachbarland Mecklenburg-Vorpommern) durchsucht worden seien. "Den dabei festgenommenen 17, 20, 29 und 32 Jahre alten Männern wird zur Last gelegt, für den brutalen Überfall auf den Jugendklub Klockow verantwortlich zu sein."

Wie der Uckermark Kurier berichtete, waren dort in den Abendstunden des 1. Februar 2003 zehn Jugendliche angegriffen und zum Teil mit Springerstiefeln krankenhausreif getreten und geprügelt worden. Die unter Alkoholeinfluss stehenden Randalierer hatten sich zudem gegen die zur Hilfe gerufenen Polizeikräfte zur Wehr gesetzt und Hitlerparolen gebrüllt.

Trotz des bereits an diesem Abend erfolgten Zugriffs habe man die Festgenommenen wieder freilassen müssen, weil die Zeugenaussagen zu diesem Zeitpunkt noch widersprüchlich waren und man den Tatverdacht habe erhärten, die subjektive Seite untermauern müssen, suchte der Polizeisprecher bei den Medien um Verständnis, warum zwischen Tatbegehung und Festnahme so viel Zeit vergangen sei. In Regie des in Prenzlau ansässigen Kommissariats Jugend/TOMEG/MEGA und in Zusammenarbeit mit der Polizei des Nachbarlandes habe man aber sofort begonnen, auf den gestrigen Tag zuzuarbeiten. Weitere Zeugenvernehmungen und Millieurecherchen sowie die konzertierte Hausdurchsuchung durch Kräfte in Zivil und Uniform seien Teil der Strategie gewesen. Dabei sichergestellt wurden unter anderem Springerstiefel, ein Seitengewehr, Springmesser, ein Patronengurt, das Endstück einer Flügelgranate sowie Propagandamaterial mit indiziertem Inhalt.

Die Ermittlungen der letzten Wochen hätten ergeben, dass die vier aus purer Lust am Schlagen und Gewaltverherrlichung in Klockow in Aktion getreten seien. Sie hätten in der Öffentlichkeit auch keinen Hehl aus ihrer rechtsextremen Gesinnung gemacht. Bernd Schmarsow, stellvertretender Kripo-Chef des Schutzbereiches Uckermark, setzte erklärend hinzu, dass man die Uckermark trotz dieses neuerlichen brutalen Vorfalls in Klockow nicht als "braun" bezeichnen könne und müsse. In anderen Schutzbereichen gebe es eine ähnliche Zahl politisch motivierter Delikte. Der Leiter der Führungsstelle Karl-Heinz Fittkau ergänzte, dass die Gewalttaten in diesem Bereich sogar rückläufig seien, man dafür aber mit mehr Propagandadelikten zu kämpfen habe.

Die vier Tatverdächtigen wurden am Nachmittag dem Haftrichter vorgeführt, die durch das Amtsgericht Neuruppin erlassenen Haftbefehle vollstreckt. Die Festgenommenen werden in eine Justizvollzugsanstalt überstellt.

Nordkurier-Prenzlau

18.01.2003
Serie schwerer rechtsextremer Gewalt reißt nicht ab - Behörden ratlos - Hitlerbilder und Patronen in Nordbrandenburg gefunden

FRANK SCHAUKA KLOCKOW Die Kette schwerer rechtsextremer und fremdenfeindlicher Gewalttaten in Nordbrandenburg reißt nicht ab. "Wittstock, Potzlow, Belower Wald", sinniert Neuruppins Leitender Oberstaatsanwalt Gerd Schnittcher - nun Klockow bei Prenzlau, vier Kilometer vor der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern.

Durch Schlagzeilen fällt Klockow fast nie auf. "Wir haben etwas mehr als 500 Einwohner", sagt Bürgermeisterin Gudrun Remeika, "und keine Leute, die gewalttätig sind." An der Gesamtschule, gewiss, da habe es vor Jahren Probleme gegeben, über die die Lehrer nicht gern geredet hätten. Unbekannte hätten Schülern aufgelauert und sie verprügelt. Die Polizei habe ermittelt. Seit längerer Zeit habe sie jedoch schon keine Klagen mehr gehört. Auch der erste Überfall auf den Jugendclub an der Dorfstraße 26 liege "fünf oder sieben Jahre" zurück. In den Nachbarorten Brüssow und Wallmow gebe "es die Glatzen öfter", doch in Klockow "hatten wir bisher vor allem Punks".

"Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche?" Gudrun Remeika wiederholt die Frage langsam. "Es gibt das, was sie sich selbst gestalten, sonst nichts." Wie den Jugendklub an der Dorfstraße 26 in dem leerstehenden Haus, das früher der Gemeinde gehörte und das die Sparkasse Uckermark jetzt vermiete. Dort treffen sich die jungen Leute des Dorfes zum Reden, Trinken und zum Musizieren. Linke Jugendliche vor allem, auch Punks.

Nicht weit entfernt saß am Samstag, 1. Februar, in seiner Wohnung Dirk A. mit drei Freunden, die aus Südmecklenburg zu ihm nach Klockow kamen. Die Behörden reden von "sozialem Abstiegsmilieu", das Menschen zusammenführe, die gemeinsam ein hohes Gewaltpotential entfalten. Besonders der 32-jährige Dirk A. und der 29-jährige Ulf F. aus Viereck waren wegen Körperverletzungen und anderer Roheitsdelikte "erheblich in Erscheinung getreten". Auch der 20-jährige Michael D. aus Löcknitz und der 17-jährige Mai K. aus Fahrenwalde waren der Polizei bekannt - wenngleich nicht wegen rechtsextremer Taten.

Dirk A. hatte den Durst seiner Gäste wohl unterschätzt. Nachdem die Flaschen geleert waren, hätten die vier den Klub aufgesucht, um weiterzutrinken - erzählt man im Dorf. Neuruppins Chefankläger Schnittcher urteilt härter über die Täter: "Sie wollten den Punks im Jugendtreff eine Lektion erteilen." Rädelsführer Ulf F. habe kurz nach dem Eintreten gegen 20.15 Uhr gefragt: "Wer ist ein Punk und hat was gegen Glatzen?" Sofort habe er einem der Jugendlichen ins Gesicht geschlagen. Die drei anderen hätten sodann mit Springerstiefeln auf die Besucher eingetreten. "Ein Täter hielt zudem einem Opfer den Kopffest und versuchte, mit einem Feuerzeug dessen Haare anzuzünden, was misslang", schildert Schnittcher die Brutalität. Danach schlugen und traten sie weiter, schnappten sie eine Elektrogitarre und brüllten "Sieg Heil! Heil Hitler!" Zwei Opfer mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Als die Polizei erschien, wehrten sich die angetrunkenen Rechtsextremisten gegen ihre Festnahme. Kurz darauf wurden sie wieder auf freien Fuß gesetzt - bis gestern früh.

Es war noch dunkel, als 20 Beamte gegen 6.30 Uhr die vier Neonazis weckten und ihre Wohnungen durchsuchten. Beschlagnahmt wurde folgendes: ein Seitengewehr, ein Patronengurt mit Platzpatronen, Platzpatronen für Pistolen, eine Gaspistole, Springerstiefel, ein Baseballschläger, Bilder von Hitler und andere Devotionalien des Nationalsozialismus. Musikkassetten und CDs hatten die Täter mit der Kennung "Rechts" beschriftet.

In Wittstock wurde im Mai 2002 der junge Russlanddeutsche Kajrat Batesov mit einem 17,7 Kilogramm schweren Feldstein erschlagen; im Juli vergangenen Jahres brachten in Potzlow drei junge Neonazis den 16-jährigen Schüler Marinus Schöberl auf bestialische Weise um und versenkten die Leiche in einer Jauchegrube; auf die Gedenkstätte für KZ-Opfer im Belower Wald bei Wittstock verübten im September 2002 vermutlich Antisemiten einen Brandanschlag. Auch in dem Fall hatten vermutlich Rechtsextremisten aus Brandenburg und Mecklenburg zusammengewirkt.

Der Fall Klockow, bemerkt der Sprecher des Polizeischutzbereichs Uckermark, Burkhard Heise, beweise folgendes: Ein schlimmes Ereignis im rechtsextremistisch motivierten Gewaltbereich könne jeden Tag zu jeder Zeit passieren. Chefankläger Schnittcher ist inzwischen ratlos: "Zum Teil haben wir gegen Täter sehr lange Haftstrafen erreicht, aber das hat weder zu einer Läuterung nach der Haftentlassung beigetragen noch zu einem nennenswerten Abschreckungseffekt für andere Täter." Seit etwa einem Jahr sei sogar eine Zunahme schwerer rechtsextremer Gewaltdelikte zu beobachten. "Wir wundern uns auch darüber."

Märkische Allgemeine

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