|
12.02.2003
Die Flüchtlinge erfahren es zuletzt - Entscheidung zu künftigen Asylstandorten zieht sich hin - Betroffene wollen nicht aus Anklam weg
 | Für Außenstehende erschreckend, für die Bewohner des Asylbewerberheimes in der Demminer Straße in Anklam Normalität: die sanitären Bedingungen. Zum Jahresende soll das Heim geschlossen werden. |  |
Anklam/Ostvorpommern (OZ) Ungläubig guckt Tete Datevi (42). Zum ersten Mal hört er, dass sein derzeitiges Zuhause, das Asylbewerberheim in der Demminer Straße in Anklam zum Jahresende geschlossen wird. "Wohin?", will der Togolese, der seit fünf Jahren in dem Haus lebt, von Heimleiterin Christa Maiwald wissen. Die aber zuckt mit den Schultern. Sie weiß es nicht, kennt die zähe Suche des Kreises nach neuen Unterkünften für insgesamt bis zu 300 Asylbewerber auch nur aus der Zeitung. "Wir meiden momentan Gespräche darüber mit den Flüchtlingen", gibt sie offen zu. "Was sollen wir Ihnen sagen?".
Wie dem 42-jährigen Tete geht es vielen der rund 60 Bewohner des maroden Backsteinbaus an Anklams Stadtrand, der früher zur Möbelfabrik gehörte. Die meisten kommen aus dem Bürgerkriegsland Togo. Auch Tetes Landsmännin Togni Adijo (42) weiß nichts Genaues über die monatelange kontroverse und noch immer unentschiedene Diskussion um zwei neue Flüchtlingsheime. Als sie erfährt, dass auch Wolgast im Gespräch ist, schlägt sie die Hände über dem Kopf zusammen. "Anklam, hier sind wir mit dem Herzen zu Hause", erklärt sie. Anfängliche Anfeindungen von Einheimischen hätten sich inzwischen gelegt. Man kennt sich aus und fühlt sich wohl. Aus der Stadt will sie nicht weg.
Doch an dem maroden Fabrikbau hängt sie nicht. Der muss per Gesetz bis 31. Dezember wegen der ungenügenden Bedingungen geschlossen werden, ebenso wie die Unterkunft für Asylsuchende in Garz. Von einem Umzug erhofft sich die dunkelhäutige Togni vor allem bessere sanitäre Einrichtungen. Die liegen allesamt im Erdgeschoss. Für die rückenkranke Frau, die in der zweiten Etage wohnt, ist das ein Problem. Auch Christa Maiwald gibt zu, anfangs schockiert gewesen zu sein von den baulichen Zuständen im Haus. Zugige Fenster, ungedämmte Wände, unansehnliche Wasch- und Duschräume. "Menschenunwürdig", entfährt es der Heimleiterin, die die deutlich besseren Bedingungen im zweiten Anklamer Flüchtlingsheim, dem ehemaligen Hotelbau in der Gutenbergstraße, lobt. Dennoch sind viele der Bewohner des abgewrackten Gebäudes in der Demminer Straße zufrieden. "Sie empfinden den Zustand nicht so schlimm wie Außenstehende. Wichtiger ist für die Togolesen, unter sich zu bleiben", hat Christa Maiwald beobachtet.
Doch für die tatsächlichen Interessen der Asylbewerber als direkt Betroffene der Entscheidung für einen der derzeit diskutierten vier Standorte hat sich in der jüngeren Vergangenheit kein Kreis- oder Lokalpolitiker interessiert. Im Asylheim in der Demminer Straße jedenfalls war seit langem schon kein politischer Entscheidungsträger mehr. Die Alte Kriegsschule als eventuell künftiges Asylheim? Weder Togni noch Tete kennen das Gebäude in der Friedländer Landstraße oder den Streit darüber.
Auch nicht die vermeintlichen oder tatsächlichen Befürchtungen von Anwohnern, dass u. a. Diebstähle sich mehren könnten, wenn Asylbewerber ihre Nachbarn werden. "Von unseren Leuten geht absolut keine Gefahr aus", betont Christa Maiwald. Sie erinnert sich noch gut an Unterschriftenlisten, die vor der Eröffnung des ehemaligen Hotels als Unterkunft für die Kriegsflüchtlinge des Kosovo gesammelt wurden. Das tägliche Miteinander habe die einstigen Befürchtungen widerlegt. Selbst einer der anfangs äußerst skeptischen Nachbarn hat schon Plüschtiere für die vielen Kinder in der Gutenbergstraße gebracht.
Doch für die anvisierte Alte Kriegsschule spreche das nicht automatisch. Dort seien möglicherweise die Asylbewerber gefährdet durch einen Teil des Publikums in der gegenüberliegenden Diskothek, dem "Club". Zur eigenen Sicherheit habe erst jüngst die Polizei Asylbewerbern von einem Club-Besuch abgeraten, so Christa Maiwald.
Indes laufen zwischen Kreis und Land die letzten Abstimmungen auf Hochtouren, wo künftig die Asylbewerber aus Garz bzw. des Anklamer Heims in der Demminer Straße untergebracht werden. Weil noch Umbauarbeiten an den Objekten nötig sind, muss das Votum möglichst schnell fallen. Nach OZ- Informationen ist das Gebäude auf der Wolgaster Peene-Werft Favorit, während offiziell auch die Alte Kriegsschule sowie die benachbarte frühere Polizeiinspektion (beide Friedländer Landstraße) sowie ein viertes unbekanntes Objekt im Gespräch sind.
Ostseezeitung-Wolgast
|