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12.02.2003
Angst um die Familie im Irak - Flüchtlinge hoffen auf Zukunft in Heimat ohne Angst und Terror
 | Treffen im arabischen Bistro in Rostock. Die Exil-Iraker um Abdulwahab (l.) und Hikmat (r.) hoffen auf Frieden für ihre Heimat. |
10 242 Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr aus dem Irak nach Deutschland. Einige leben jetzt in Mecklenburg- Vorpommern. Ein Zuhause auf Zeit. Denn die meisten wollen in die Heimat zurück. Sie hoffen auf eine Zukunft ohne Angst und Terror.
Rostock (OZ) Hikmat Al Sabty sitzt oft in Rostock im arabischen Bistro. Er trinkt Tee mit seinen Landsleuten, hilft bei Behördenkram. Hikmat lebt seit 1993 in der Hansestadt. Der Iraker ist mit einer Deutschen verheiratet, hat studiert, wohnt in einem schönen kleinen Häuschen. Er ist 48, arbei-tet als Dolmetscher, es geht ihm gut. Die Männer, die neben ihm sitzen, bewundern ihn. So wie Hikmats Leben, der nach seiner Flucht aus dem Irak 1981 ein Zuhause in der neuen Heimat gefunden hat, wünschen sie sich ihre Zukunft auch. Doch die meisten leben in Asylbewerberheimen, sprechen kaum deutsch und haben selten jemanden, der mit ihnen ihre Sorgen teilt.
Abdulwahab Shukur Mahmud hat Post aus dem Irak bekommen. Stolz zeigt er Hikmat den Brief. "Lieber Papa, wir freuen uns, dass es dir gut geht. Uns geht es auch gut. Der Onkel will bald zur Pilgerfahrt nach Mekka. Grüße von allen an Dich. Bleib gesund und beschützt. Deine Kinder." Immer wieder hat Abdulwahab den Brief gelesen und die beigelegten Fotos angesehen. Zwei Mädchen und ein Junge, die ein wenig steif vor einem Wandbehang posieren. Abdulwahabs Kinder, sein Segen und seine Trauer. Die jüngste Tochter Hale ist zwölf. Abdulwahab hat sie noch nie gesehen. Als sie 1990 geboren wurde, war er 23 Jahre alt und musste gegen Kuwait kämpfen. Der zweite Golfkrieg hatte begonnen. "Ich habe die Leute sterben sehen. Unsere und die anderen", sagt Abdulwahab. "Ein beschissenes Gefühl." Nach einem Bauchschuss desertiert er und wird im Norden Iraks gefangen genommen. Sieben Jahre Haft im autonomen Gebiet Kurdistan folgen. Denn die Kurden hassen Husseins Soldaten, nachdem die 1988 bei einem Giftgasanschlag tausende Kurden getötet hatten.
Ende 1999 gelingt Abdulwahab die Flucht nach Deutschland. Er kommt nach Rostock. Endlich in Sicherheit und voller Hoffnung. Er will seine Familie nachholen, ein neues Leben beginnen, als er erfährt, dass seine Frau gestorben ist. Für seine Kinder kann er nichts tun. Die Rückkehr in den Irak wäre für ihn als Deserteur der Tod. "Werde ich Sohn und Töchter je wieder in meinen Armen halten?", fragt er.
Hikmat kann ihm keine Antwort geben. "Vielleicht." Die Freunde am Tisch schweigen. Jeder von ihnen hat eine Familie zurück gelassen. Jeder hatte die Hoffnung, dass die Flucht in den Westen eine Lösung der Probleme ist. Die meisten haben diese Hoffnung inzwischen begraben. Nur das schlechte Gewissen ist ihnen geblieben und die Angst um die Angehörigen in der fernen Heimat.
Gedanken, die auch in Hikmats Kopf kreisen. Als er 1981 fortging, hatte gerade der erste Golfkrieg begonnen. Hikmat machte damals mit seinem Bruder Riad Urlaub in der Türkei, als sie vom Krieg gegen den Iran erfuhren. Hikmat flüchtete nach Deutschland. Riad kehrte zurück. Er musste zur Armee, war zwölf Jahre in Gefangenschaft und starb bald darauf. "Es hätte alles anders sein können, wenn Saddam Hussein nicht an die Macht gekommen wäre", grübelt Hikmat. Er meint seine Familie und seine Heimat.
Irak, auf das er einst so stolz war, ist ein verlorenes Land. Vor sieben Monaten war er das letzte Mal da, hat die Eltern und Schwestern besucht. "Es wird immer schlimmer", sagt er. "Früher war der Irak ein reiches Land. Jetzt gehen viele Kinder nicht mehr zur Schule, betteln auf den Straßen. Angst vor Krieg und Angst vor Saddam Hussein überall." Mutlosigkeit zwischen UN-Embargo und dem Herrschaftsstreben des Diktators in Bagdad, der sich um die Nöte und Ängste seines Volkes keinen Pfifferling schere. Dennoch sträuben sich die Irakis, die im Bistro sitzen, gegen einen Krieg. "Der Westen redet von einem Kampf gegen Terror und gegen Saddam Hussein und tut so, als würde er den Irakis mit dem Krieg einen Gefallen erweisen. Aber der Irak besteht nicht nur aus Saddam Hussein, sondern auch aus Millionen Zivilisten", sagt Hikmat nachdenklich. "Wie viele von ihnen werden unter Bomben und Trümmern sterben?" Die Männer um ihn herum nicken. Wenn George Bush erkläre, dass Spiel sei aus, können sie nur den Kopf schütteln. "Welches Spiel?", fragen sie.
Die Exil-Iraker denken an ihre Kinder und Frauen und daran, dass sie selbst tatenlos hier in Rostock sitzen. Dass dennoch 10 242 irakische Flüchtlinge im vergangenen Jahr in die Bundesrepublik kamen, wundert Hikmat nicht. "Als Asylbewerber erhalten sie Taschengeld. Damit können die Leute ihre Familien in der Heimat versorgen." Zwölf Jahre Embargo und die Korruptions-Maschinerie Saddam Husseins haben nach Angaben des UN- Flüchtlingskommisariats dazu geführt, dass bereits eine halbe Million Kinder im Irak an Unterernährung und Krankheiten gestorben sind. Medikamente für die einfachen Leute gibt es kaum noch. Die staatlichen Lebensmittelrationen werden immer knapper und die Wenigsten haben genügend Geld, um zusätzliches Essen zu kaufen.
"Meine Schwester verdient im Monat 3000 Dinar. Ein Hähnchen kostet 1500 Dinar. Wer soll das bezahlen", fragt Hikmat. "Nur Saddam Hussein und seinen Getreuen geht es heute noch gut. Genau denen, die das Embargo eigentlich treffen sollte."
Irrsinn, von dem auch die Menschenhändler profitieren. Ahmad und Hassan, die im Auffanglager für Flüchtlinge in Horst sitzen, wurden Ende Januar aus dem Irak geschleust. Jeder hat dafür 2500 Dollar gezahlt. Hassan verkaufte seinen Frisiersalon. Ahmads Vater hat das Haus und den Familienschmuck hergegeben. Ahmad ist erst 17. "Geh fort, such dein Glück im Westen", hatte ihm sein Vater gesagt.
Der schmächtige Junge wischt sich übers Gesicht. "Ich will wieder heim. Aber ich will nicht zur Armee." Die meisten Jungs aus seiner zehnten Klasse mussten sich schon melden. Statt Mathe und Geografie pauken sie jetzt den Umgang mit der Waffe. "Da kannst du nicht sagen, du hast keine Lust. Du musst." Ahmads Kindheit ist vorbei, wie die seiner Freunde. Nur manchmal sitzt er in seinem Zimmer im Auffanglager und träumt mit Hassan von der Zukunft. "Ich erzähle ihm, dass ich irgendwo wieder einen Frisiersalon eröffnen werde und dass er dann bei mir arbeiten kann", sagt Hassan.
Ostseezeitung
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