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08.02.2003
Nächtlicher "Überfall" vor Flug in die Türkei - Abschiebepraxis in der Hansestadt Stralsund

Stralsund (OZ) Vier Uhr morgens klopfte die Polizei an die Tür. Sie gab der kurdischen Familie Aydin 30 Minuten, um aufzuwachen, sich anzuziehen und die Koffer zu packen. Die Abschiebung der türkischen Staatsangehörigen stand auf dem Plan. Mutter, Vater, drei Töchter (4, 12, 15). Seit sieben Jahren wohnen sie in einem Zimmer auf dem Dänholm.

"Wir wissen, dass wir gehen müssen. Aber warum kann uns nicht vorher Bescheid gesagt werden, damit wir in Ruhe packen können. Und warum mitten in der Nacht?", fragt das Familienoberhaupt. Das sei doch unmenschlich. Dann wurde die Familie nach Berlin zum Flughafen gefahren. Der Kieler Anwalt stoppte in letzter Minute die gerichtlich sanktionierte Abreise aus Deutschland. Er stellte einen "Eilschutzantrag" für die fünf Kurden. Stunden später saßen sie wieder auf dem Dänholm, ihre Koffer räumen sie jetzt nicht mehr aus. Es könne schließlich jede Nacht wieder die Polizei kommen.

Neben den Polizeibeamten sind bei Abschiebe-Terminen auch immer Mitarbeiter vom Ordnungsamt dabei. Der Leiter des Stralsunder Amtes, Thorsten Bents, erklärt die gängige Praxis. Dass die Abschiebung unangekündigt erfolgt, sei normal. Gleichwohl komme sie nicht aus heiterem Himmel. Der Asylantrag der Familie Aydin wurde abgelehnt, sie klagte gegen die Entscheidung, ein Gericht bestätigte die Verweigerung des Asyls, die Aydins stellten einen Asylfolgeantrag, auch der wurde abgelehnt.

Sogar die Härtefallkommission beim Innenministerium, ein behördenunabhängiges Gremium mit Personen aus den Bereichen Kirche, Flüchtlingsorganisationen u. a., bestätigte: Es gibt keinen Grund, dass die Familie noch länger hier bleibt. Im Klartext: Vater Aydin ist kein politischer, sondern ein Wirtschaftsflüchtling. Der Betroffene hält dagegen:„Wenn ich in die Türkei komme, werde ich verhaftet."

Im vergangenen Jahr wurden am Sund 38 Ausländer abgeschoben. "Lediglich eine Familie wurde vorher über den konkreten Zeitpunkt informiert", sagt der Ordnungsamts-Chef. So eine "Nacht-Abschiebung" sei beim Innenministerium abgesichert. Die frühe Zeit und der unangekündigte Termin seien beabsichtigt. "Die Erfahrung hat uns gelehrt, auf diese Art und Weise vorzugehen." Denn zu oft waren Familien oder Kinder verschwunden, wenn Abschiebungen angesagt waren. Außerdem richte sich die Zeit nach dem Flugfahrplan.

Bents sagt, dass er Verständnis für die missliche Situation der Kinder habe, immerhin besuchen zwei von ihnen hier die Schule. Gibt aber zu bedenken, dass für deren Lage die Eltern verantwortlich sind. Die Aydins sind enttäuscht, dass man sie nicht informiert, wann es wieder losgeht. "Meine Mutter zuckt nachts bei jeden Geräusch zusammen - es könnten Polizisten sein", sagt die 15-jährige Tochter in akzentfreiem Deutsch. Es kann jederzeit wieder losgehen.

Ostseezeitung-Grimmen

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