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04.02.2003
Tauziehen um eine Ausstellung - Die Wehrmacht-Ausstellung im Urlaubsparadies: Rügen und Usedom bewerben sich

Schwerin Wohin die Wehrmacht-Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung auch kommt, für einen Streit ist sie immer gut. In Mecklenburg- Vorpommern bewerben sich mit Prora und Peenemünde gleich zwei Standorte um die Wanderausstellung. Peenemünde hat die besseren Karten.

"Für uns ist wichtig, dass die Ausstellung überhaupt ins Land kommt. Und dabei unterstützen wir den Standort, der die besten Chancen hat", versucht Nikolaus Voss aus der Schweriner Staatskanzlei die Wogen zu glätten. Er fürchtet, dass ein offener Streit zwischen Prora und Peenemünde das Hamburger Institut für Sozialforschung veranlassen könnte, die Schau in Mecklenburg-Vorpommern ganz abzublasen.

Wanderausstellung läuft 2004 aus

Das Zeitfenster ist ohnehin sehr eng: "Uns bleiben nur die fünf Wochen im Sommer", sagt Voss. Die vom Millionär und Literaturwissenschaftler Jan Philip Reemtsma initiierte Wanderausstellung, vor neun Jahren erstmals gezeigt, kontrovers diskutiert und schließlich von einer Historikerkommission wegen gravierender Falschzuordnung von Bildern und Archivmaterial überarbeitet, soll Anfang 2004 auslaufen. Nur noch im August könnte sie im Urlaubsparadies an der Ostsee gezeigt werden. Vorher und nachher ist sie bereits für Großstädte wie Chemnitz und Dortmund gebucht.

Dass Prora den Zuschlag bekommt, wird immer unwahrscheinlicher. Zwar bemüht sich die in Berlin ansässige Stiftung Neue Kultur schon seit fast vier Jahren darum, die Ausstellung in das ehemalige KdF-Bad zu holen. Zwar unterstützt auch Rügens Landrätin Kerstin Kassner (PDS) das Vorhaben, aber im Ostseebad Binz, zu dem Prora gehört, regt sich Widerstand: Das Binzer Stadtparlament fürchtet offenbar Imageverluste im Tourismus - und lehnt das Vorhaben ab.

Hinzu kommt, dass die räumliche Unterbringung der Ausstellung in Prora auch wegen des zeitgleich geplanten Jugendcamps "Prora 03" mit 15 000 Teilnehmern in Frage steht. "Für Prora sehe ich in baulicher und sicherheitstechnischer Hinsicht nicht mehr die Möglichkeit des Gelingens", schränkt Voss ein.

Besser als in Prora sind die Voraussetzungen im Historisch-Technischen Informationszentrum Peenemünde. Das von der Gemeinde getragene Museum hat nicht nur bessere personelle Voraussetzungen - hier sind das ganze Jahr bis zu 40 Mitarbeiter beschäftigt.

40 000 Euro Leihgebühr und andere Kosten

In Peenemünde könnte die Wehrmacht-Ausstellung in der 1600 Quadratmeter großen Turbinenhalle des ehemaligen Kraftwerks untergebracht werden und wäre eine gute inhaltliche Ergänzung für die Dauerausstellung mit jährlich 300 000 Gästen. Davon dürfte auch die nicht mehr ganz neue Wehrmacht-Ausstellung profitieren. Mit bis zu 70 000 Besuchern rechnet Nikolaus Voss in Peenemünde. Und je mehr Besucher kommen (und Eintritt zahlen), desto kostengünstiger wird die Ausstellung für die Veranstalter. Immerhin verlangt das Hamburger Institut 40 000 Euro Leihgebühr. Außerdem muss für die Zeit der Ausstellung zusätzliches Personal eingestellt und ein Rahmenprogramm organisiert werden. Das Land will 20 Prozent der Gesamtkosten übernehmen. Bei einem Lokaltermin Mitte Februar wird das Hamburger Institut die Gegebenheiten in Peenemünde prüfen, dann dürfte die Entscheidung fallen.

Dass die Ausstellung erst so spät nach Mecklenburg-Vorpommern kommt, muss kein Nachteil sein. Die seit 1999 neu konzipierte Schau "Verbrechen der Wehrmacht - Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 - 1945" leuchtet anhand einzelner exemplarischer Ereignisse die Handlungsspielräume aus, die Wehrmachtsangehörige hatten: Die Reaktionen der Soldaten sind authentisch belegt - sie reichen von der kompromisslosen Ausführung eines Befehls, selbst wenn er gegen damals geltendes Kriegs- und Völkerrecht verstieß, bis zur Befehlsverweigerung.

Keine Armee von Kriegsverbrechern

Mehr noch: Die Ausstellungsmacher zeigen, dass die Weigerung, sich an Kriegsverbrechen zu beteiligen, nicht automatisch dazu führte, dass die Befehlsverweigerer selbst an die Wand gestellt wurden. Eine differenzierte Herangehensweise, die emotional betroffen macht und eben nicht alle 18 Millionen Wehrmachtssoldaten zu Kriegsverbrechern stempelt, wie der Ausstellung zu unrecht vorgeworfen wurde. Auch die Debatte um die Vorgängerschau wird übrigens dokumentiert.

Dass die Ausstellung im August durch den frühen Schuljahresbeginn auch noch von Schulklassen besucht werden kann, ist sicher ein Gewinn. Die junge Zielgruppe wäre allerdings in Prora durch das Jugendcamp direkt am Ort gewesen. Den Veranstaltern ist zu wünschen, dass ihr Vorhaben nicht von rechten Gruppen zum Anlass genommen wird, um in der Hochsaison im Urlaubsparadies Usedom auf sich aufmerksam zu machen.

Dass die Vorgängerschau 1997 in München vom größten Aufmarsch des Neofaschismus seit den 70er- Jahren begleitet war, ist inzwischen fast vergessen. Hierzulande dürften selbst kleinere Vorfälle genügen, um die Schlagzeilen über Mecklenburg-Vorpommern als Hochburg der Rechten wiederzubeleben.

Schweriner Volkszeitung

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