|
31.01.2003
Ulrich Schacht provoziert mit radikalen Ansichten - Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen lud rechtsradikalen Autoren nach Rostock ein
Rostock(OZ) "Wenn jemand im Knast geboren wird, scheint ihm seine Biografie vorgegeben zu sein", sagte Autor Ulrich Schacht, als er gestern in Rostock nach seiner Vita befragt wurde. Schacht, 1951 im Frauengefängnis Hoheneck geboren, wo seine Mutter inhaftiert war, hat eine Biografie, die von Brüchen geprägt ist und von der Erfahrung Knast - 22 Jahre nach seiner Geburt saß er selbst im Gefängnis wegen staatsfeindlicher Hetze gegen die DDR. Sieben Jahre sollte er dort verbüßen. Nach drei Jahren kaufte ihn die Bundesrepublik 1976 frei. Ein Opferschicksal, von dem Schacht bei seiner Lesereise durch M-V berichtet. Der Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Jörn Mothes, hatte ihn dazu in die Dokumentations- und Gedenkstätte der Birthler-Behörde in Rostock eingeladen.
Ulrich Schacht hat viel zu sagen. Radikal und kompromisslos. So schwadroniert er mit großer Geste über den Zustand der Bundesrepublik, die seiner Ansicht nach von einer Politiker-Generation regiert werde, die "marxistisch konditioniert" sei. Die habe aus Deutschland ein Land gemacht, das nicht mehr die Republik des Grundgesetzes sei. Deshalb habe er das Land auch verlassen und lebe jetzt in Schweden.
Schacht genießt das leise Entsetzen der Zuhörer, als er von Joschka Fischer als einem spricht, der mit "Schaum vorm Maul" gegen radikalen Kapitalismus gekämpft habe und jetzt "fett darin etabliert" sei. Und er bezeichnet die so genannten 68er, denen er nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik begegnete, als "Menschen vom gleichen Typus, wie die bei der Stasi."
Künstlerische Freiheit? Überschießende Provokation eines einstigen Opfers von staatlicher Macht? Schacht, ein Theodor-Wolff-Preisträger, gibt sich überlegen. Für Kollegen, wie Günter Grass, den er als "ganz kleinen Charakter" und "intellektuellen Tiefflieger" beschreibt, hat er nur Verachtung. An seiner eigenen moralischen Integrität darf allerdings gezweifelt werden.
So wird Schacht im Handbuch des Deutschen Rechtsextremismus von 1996 unter anderem als Autor der "Jungen Freiheit" genannt, die in rechtsextremen Kreisen aufgrund ihrer Eisbrecherfunktion für die konservative und nationale Publizistik der Bundesrepublik geschätzt wird. Der Verfassungsschutz erwäge, laut Handbuch, die "Junge Freiheit" unter Beobachtung zu stellen. Publizistisch versuche sie, Sammlungsbewegungen des rechten Spektrums zu unterstützen. Hilfe, die 1995 besonders dem als rechtsnational eingestuften "Bund freier Bürger" zugute gekommen sei. Und auch da taucht der Name Ulrich Schacht auf. Als Kandidat der Partei für den Hamburger Senat 1997. Schacht, ein Autor, der sich im Dunstkreis rechter Gesinnungsgenossen bewegt? Christoph Kleemann, Leiter der Außenstelle der Birthler-Behörde in Rostock will Schacht nicht in diese Ecke stellen. Er möge ja radikale Ansichten vertreten, allerdings müsse man die vor dem Hintergrund seiner Biografie sehen. "Opfer leben oft nach einem anderen Koordinatensystem." Man müsse schon zwischen radikal und rechtsradikal unterscheiden. "Wenn wir von rechtsradikalen Ansichten des Autors wüssten, hätten wir ihn nie eingeladen." Kleemann versichert, die Behörde werde den Vorwürfen nachgehen.
Manuela Pfohl
Ostseezeitung
|