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03.02.2003
Ein Witz führte direkt vors Sondergericht - Ausstellung "Strafrecht ist Kampfrecht" im Schweriner Justizgebäude

Schwerin (ddp). Im Juni 1936 erzählte der Neubrandenburger Luzius Koos folgenden Witz: Hitler fragt einen Friseur, ob er ihm die Haare nicht besser schneiden könne, sie lägen ihm so im Gesicht. Darauf der Figaro: "Ich kann Ihnen nur raten, lassen Sie uns drei Tage Pressefreiheit, dann stehen Ihnen die Haare zu Berge." Koos hätte sich besser überlegen sollen, wer sein Gesprächspartner ist. Der schwärzte ihn nämlich augenblicklich an, und der Arglose musste sich vor dem Sondergericht beim Schweriner Landgericht verantworten.

Diesen Vorfall hat der Historiker Kai Langer von der Landeszentrale für politische Bildung vor dem Vergessen bewahrt. Von ihm stammen die Konzeption und die inhaltliche Gestaltung des ersten Abschnitts der Dauerausstellung zur Geschichte des Schweriner Justizgebäudes. Er steht unter dem Titel "Strafrecht ist Kampfrecht - Justiz und Terror in Mecklenburg zwischen 1933 und 1945" und ist seit einer Woche im Dokumentationszentrum für die Opfer deutscher Diktaturen in eben jenem Justizgebäude zu sehen. In den kommenden beiden Jahren folgen noch zwei weitere Abschnitte - einer zur Tätigkeit des sowjetischen Militärtribunals und des sowjetischen Geheimdienstes, die das Haus von 1945 bis 1952 beschlagnahmt hatten. Der andere Abschnitt beschäftigt sich mit der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, die hier von 1952 bis 1989 residierte.

Das Schweriner Justizgebäude wurde 1916 erbaut und beherbergte bis 1945 das Amts- und Landgericht sowie ab 1933 das Sondergericht für politische Strafsachen, das Erbgesundheitsgericht und ab 1942 auch das Oberlandesgericht. Damit war es schon im "Dritten Reich" wie dann auch in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR eine Kommandozentrale für die diktatorische deutsche Justiz - allerdings zweierlei Couleur. Unvergessen sind die jedem Rechtsempfinden Hohn sprechenden Prozesse, die in seinen Mauern stattfanden, die zynischen Verhöre und unerträglichen Haftbedingungen. Noch heute läuft dem Besucher ein Schauer über den Rücken, wenn er eine der kargen Gefängniszellen betritt. Vor rund eineinhalb Jahren wurde in einem Teil des Hauses auf Beschluss der Landesregierung das Dokumentationszentrum für die Opfer deutscher Diktaturen eingerichtet, das inzwischen rund 15 000 Besucher zählte.

Den größten Eindruck hinterlässt die Exposition, wenn sie Einzelschicksale darstellt. So erklärte, wie Langer ergründete, der Schweriner Oberstaatsanwalt Wilhelm Hennings zur ersten Verhandlung des Sondergerichts am 28. April 1933, dass es an der Zeit sei, "der infamen Hetze von gewissenlosen Elementen ein Ende zu machen und die notwendige Ruhe zur Neugestaltung des Staatsgefüges zu schaffen". Er zielte damit auf den Betriebsratsvorsitzenden Paul Niemann aus Schwerin. Dem Sozialdemokraten wurde zur Last gelegt, das Ansehen des "Führers" herabgewürdigt zu haben. Hitler hätte die Arbeiter "beschissen". Wegen mildernder Umstände verhängte das Gericht zwei Wochen Gefängnis, da der Angeklagte mit dem Verlust seines Arbeitsplatzes bereits "genug gestraft" sei.

Während die Sondergerichte für alle Strafsachen von politischer Bedeutung zuständig waren, hatte das Erbgesundheitsgericht über die Zwangssterilisierung von Menschen zu befinden, die nach der nationalsozialistischen Rassenideologie als minderwertig galten. Dazu zählten Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen ebenso wie psychisch Kranke, Alkoholiker oder so genannte Asoziale.

Langer fand heraus, dass ein Arzt bei einer Hilfslehrerin aus Zarrentin, die an schweren Depressionen litt, ein "mit Wahrscheinlichkeit manisch-depressives Irresein" diagnostizierte. Seinem Sterilisierungsantrag kam das Schweriner Gericht nach. Schon am folgenden Tag wurde die Frau im Schweriner Stadtkrankenhaus unfruchtbar gemacht, obwohl das Urteil erst nach einem Monat rechtskräftig geworden wäre. Insgesamt gab es in Mecklenburg vier Erbgesundheitsgerichte. In 14 Krankenanstalten des Landes wurden Sterilisierungen durchgeführt.

Nordkurier

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