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29.01.2003
Vom Leid der Zwangsarbeiter - Über ausländische Zwangsarbeiter während der Nazi-Zeit berichtet eine Ausstellung in Rostock
Rostock (OZ) Erna Dördelmann steckte Brot und Kuchen durch den Lagerzaun im B 304 in Markgrafenheide. Keine Selbstverständlichkeit 1944, als Hitler sich mit seinem Volk im "Totalen Krieg" befand und der "Feind" direkt vor der Haustür stand, wie eben im Straflager B 304. Dort waren ab 1941 hundert französische Priester und Seminaristen als Kriegsgefangene untergebracht. Arbeiter für die Rüstungsbetriebe um Rostock.
Über sie und andere berichtet eine Ausstellung, die gestern in der Rostocker Uni eröffnet wurde. Die Nazis hofften ab 1939, mit ausländischen Zwangsarbeitern den zunehmenden Mangel an Deutschen in den Betrieben auszugleichen. Außerdem sollte mit ihrer Hilfe die Produktion vor allem der Rüstungsbetriebe gesteigert werden. Per 30. September 1944 waren allein im Gau Mecklenburg über 123 000 ausländische Arbeitskräfte. Davon 49 515 Frauen und 45 656 Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion. Im Mai 1943 waren 42,5 Prozent aller Beschäftigten in der Industrie Mecklenburgs Zwangsarbeiter. Stralsund und Greifswald registrierte rund 48 000 ausländische Arbeitskräfte.
Die Idee, ihnen eine Ausstellung zu widmen, hatten die Geschichtswerkstatt Rostock und die Landeszentrale für politische Bildung in Schwerin. Rund 70 Schüler aus Wismar, Rostock, Barth und Schwerin trugen Berichte zur Lebenssituation von zivilen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen zusammen. Darunter auch die Geschichte von Erna Dördelmann. Die Mutter von fünf Kindern hatte eigene Ansichten zum Umgang mit den ausländischen Zwangsarbeitern. "Die Hasspropaganda der Nazis kümmerte sie nicht", erzählt ihr Sohn Klaus Dördelmann. Deshalb schützten die französischen Priester die Familie später auch, als die sowjetischen Soldaten kamen. Freundschaft, die noch heute besteht.
"Ein Verhältnis, das leider nur wenige Deutsche zu den Zwangsarbeitern hatten", meint Anne Witt (20) von der Rostocker Borwin-Schule. "Zu begreifen, dass Menschen ganz in der Nähe so unmenschlich handelten, hat mich schockiert."
Vor allem russische und polnische Zwangsarbeiter litten unter der Brutalität der Deutschen. Die oftmals nach Deutschland verschleppten Männer, Frauen und Kinder mussten beispielsweise in Wismar in der Rüstungsindustrie, in zahlreichen Handwerksbetrieben und in der Landwirtschaft arbeiten. In Schwerin wurden sie unter anderem in einer Brauerei, am Bahnhof und bei der Müllabfuhr eingesetzt. Mit mörderischen Bedingungen waren die Häftlinge des KZ Barth konfrontiert. 7000 von ihnen leisteten Zwangsarbeit für die Heinkel-Flugzeugwerke in Rostock. Nicht nur, dass sie bei minimalster Verpflegung mehr als zwölf Stunden täglich schufteten, sie durften öffentliche Einrichtungen, wie Kinos, nicht benutzen und waren bei Fehlverhalten, insbesondere bei sexuellen Kontakten mit Deutschen von der Todesstrafe bedroht. Viele überlebten die Zwangsarbeit auch wegen der katastrophalen Bedingungen nicht.
Die Zahl der noch lebenden Zwangsarbeiter schätzt Hans Otto Bräutigam, der Vorstandsmitglied der Stiftung zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter war, auf 1,5 bis 1,8 Millionen. "Wir wollen ihnen wenigstens einen kleinen finanziellen Beitrag für das erlittene Unrecht zukommen lassen", nennt Bräutigam das Ziel des Fonds, in den die Bundesrepublik und die Wirtschaft freiwillig rund fünf Milliarden Euro einzahlten. Bislang konnte rund 1,1 Millionen Menschen mit Einzelbeträgen bis zu 7500 Euro geholfen werden.
Die Ausstellung ist bis zum 14. Februar geöffnet.
Ostseezeitung
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