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29.01.2003
Ich hatte keine Angst vorm Tod" - Karl Stenzel (87) berichtete in Lübz über seine Leidensjahre im KZ - Kränze niedergelegt
Lübz/Parchim. Anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus haben politische Mandatsträger aus Stadt und Landkreis am Gedenkstein bei der Asklepios Klinik Kränze niedergelegt. Anschließend berichtete ein ehemaliger Häftling des KZ Sachsenhausen vor Gymnasiasten, Lehrern und den zu Beginn Genannten über selbst erfahrenes Leid.
"Durch die Lebensumstände", wie er selbst sagt, wurde Karl Stenzel 1931 zum Jungkommunisten. Nach achtjährigem Schulbesuch und einer Schlosserlehre war der gebürtige Leipziger arbeitslos und engagierte sich fortan im kommunistischen Jugendbund.
"1933 wurde ich schnell verhaftet und einen Tag lang in einem SA-Heim gequält", berichtet der heute 87-Jährige. "Da wusste ich, dass ich kein Nazi werden konnte. Wenn einen zehn Leute kaputtschlagen, gibt es keine Möglichkeit, sich damit auszusöhnen - der antifaschistische Widerstand war vorprogrammiert."
Karl Stenzel kommt zunächst für fünf Monate ins KZ Sachsenburg, wird 1934 erneut verhaftet und zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Vorwuf: Vorbereitung zum Hochverrat.
"Im November 1941 kam ich nach Sachsenhausen", erinnert sich der Zeitzeuge. "Das war die Zeit, als die deutschen Truppen kurz vor Moskau standen und man in Berlin voller Siegesgewissheit war.
Die schlechte Behandlung von Häftlingen war zu dieser Zeit besonders ausgeprägt." Das habe besonders für die Juden gegolten, die man so lange verprügelte, bis sie tot waren. Ihr Vergehen: Sie hatten sich auf Druck der Nazis von ihren deutschen Frauen getrennt, jedoch wieder den Kontakt zu ihnen gesucht. Mithäftlinge rieten Karl Stenzel umgehend, nicht zu erzählen, dass er bereits vorbestraft sei. "Sonst wäre ich vermutlich gleich erschossen worden", sagt er.
Die erste Arbeit im KZ besteht für den kleingewachsenen Mann darin, täglich die Leichen aus dem sowjetischen Kriegsgefangenenlager zu tragen: "Es hat eine Woche gedauert - dann konnte ich nicht mehr schlafen."
Karl Stenzel kommt in der Folgezeit in Isolierungshaft, an der er fast stirbt, wird Häftling der Strafkompanie ("Die Hälfte des eh schon knappen Essens, aber die schwerste Arbeit") und in den letzten neun Monaten Vorarbeiter in einer Granatenproduktionsstätte in Falkensee, wo er die Sabotage organsisiert. Dieses Lager habe sich dann selbst befreit.
Nach 1945 war der 87-Jährige in der DDR unter anderem Parteisekretär, Diplomat in China und 25 Jahre lang in der "Lagearbeitsgemeinschaft Sachsenhausen" aktiv. Noch heute ist er stellvertretender Vorsitzender des "Sachsenhausen- Kommitees". Stenzel habe niemals Angst vorm Tod gehabt, sondern eher davor, wie er vielleicht sterben würde: "Man muss in solch einer Situation die Kraft finden, die Angst zu überwinden."
Auf die Frage einer Parchimer Schülerin - unter ihren Altersgenossen blieb sie in dieser Hinsicht die einzige - wie der ehemalige Häftling mit den Erinnerungen zurechtkomme, sagte er: "Ich selbst habe wenig Probleme, denke aber, dass zu wenig der Kämpfer und fast nur der Opfer gedacht wird. Ich war nicht zu Recht im KZ, aber ich wusste, warum. Ein Jude etwa konnte das nicht sagen und verstand es deshalb nicht."
Karl Stenzel wurde auch gefragt, wie er dazu stehe, dass Sachsenhausen ebenfalls noch zu DDR-Zeiten Internierungslager war und dort nachweislich auch Unschuldige einsaßen, die man als Kriegsverbrecher verurteilt hatte.
"Wenn das nachgewiesen ist, halte ich Rehabilitation für eine richtige Sache", sagt Stenzel. "Aber es haben sich hunderttausende Deutsche schuldig gemacht, und es kann nicht sein, dass alle 17 oder 18 Jahre alt waren, so dass ich sage: Die weitaus meisten waren zu Recht interniert. Zweifellos waren die Haftbedingungen schwer, aber wer sich vor Augen führte, was die Deutschen besonders in Russland angerichtet hatten, wusste, dass keine besondere Freundlichkeit zu erwarten war."
Mit Blick auf die Gegenwart sorgt sich Stenzel darum, dass Deutschland "kurz vor der Teilnahme an einem Krieg steht" und dass Rechtsextreme in diesem Land auch bei Gesetzesverstößen kaum mit Bestrafung zu rechnen haben: "Die Justiz tut sich schwer, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen, und Täter, die dann auf Bewährung verurteilt werden, lachen sich tot. Man kann nur wünschen, dass es bald zu einer gesellschaftlichen Umgestaltung kommt!"
Schweriner Volkszeitung-Parchim
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