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22.01.2003
Uni lehrt Auseinandersetzung mit Rechts - Dreijähriger Weiterbildungskurs für Rostocker Berufsschulpädagogen wird mit Mitteln des Bundes gefördert

Rostock. Für Ulf Lübcke gehört es zum Alltag, dass seine Schützlinge ihn morgens mit "Heil" begrüßen oder ihre Hefter mit nationalsozialistischen Parolen beschmieren. "Manche Schüler sind zwar aggressiv, aber nicht direkt rechtsextremistisch eingestellt", sagt der Rostocker Berufsschullehrer. Etliche seien dabei, die mit rechtem Gedankengut sympathisieren und Rattenfängern auf den Leim gehen. Der Lehrer an einer beruflichen Schule arbeitet mit lernbehinderten Jugendlichen. "Angst habe ich schon manchmal", sagt Lübcke, "wenn zwei oder drei Leute vor mir sitzen und sie gleich abwehrend reagieren, wenn ich sie anspreche." Über ihn herfallen würden sie aber wohl nicht, glaubt der 39-Jährige.

Kein neutraler Ort

Gemeinsam mit 21 Kollegen aus dem ganzen Land nimmt Lübcke an einer dreijährigen Fortbildung an der Rostocker Universität teil. Seit dem vergangenen September erweitern sie ihre Fähigkeiten, um erkennen zu können, wo Rechtsextremismus vorliegt, und stärken den eigenen Umgang mit Personen, die solche Verhaltensweisen haben. "Schule ist kein neutraler Ort und ist in der Pflicht, für Demokratie einzutreten", sagt die Dozentin und Leiterin des Projektes, Gudrun Heinrich. Die promovierte Politikwissenschaftlerin betont, dass man sich auch mit eigenen Vorurteilen auseinander setzen müsse. "Lichtenhagen war 1992 nur die Spitze des Eisbergs. Gefährlich sind die demokratiefeindlichen Einstellungen", sagt die Wissenschaftlerin. Nicht immer sei der Rechtsextremismus rassistisch begründet, vielmehr sei es so, dass Menschen Angst hätten, vom eigenen Wohlstand etwas abgeben zu müssen. "Rechtsextremismus bietet Heimatgefühl", sagt die 38-Jährige . Ihr Projekt wird mit Bundesmitteln gefördert.

Versteckte Formen finden

Viermal im Jahr führt Gudrun Heinrich ein zweitägiges Seminar mit den Berufsschullehrern durch. Dazu gehört es beispielsweise auch, rechte Musik zu hören. "Lässt man die Texte außer Acht, ist die Musik oft gar nicht so schlecht", hat Heinrich festgestellt. So sei auch der bekannte Udo Lindenberg-Song "Sonderzug nach Pankow" von Rechten umgetextet worden. Für Ulf Lübcke ist es unabdingbar, sich mit dem rechtsextremistischen Umfeld, der Musik und den Symbolen zu beschäftigen. Denn gerade die versteckte Form sei sehr verbreitet.

Manche Schüler tragen bestimmte T-Shirts mit Schriftzug. "Oft weiß der Lehrer nicht mal, ob es verboten ist oder nicht." Als eine Lehrerin mal vor ihrer Klasse berichtete, wie es Asylbewerbern in Deutschland ergeht, sagte ein Schüler sinngemäß, das sei noch viel zu gut. Es sei schwer für Lehrer damit umzugehen, meint Gudrun Heinrich, denn hier ginge es bereits um moralische Einschätzungen. "Dem muss ich entgegnen, dass alle Menschen gleichwertig sind", sagt die Politologin.

Beschäftigung lohnt

Die Anfälligkeit für rechtes Gedankengut, heißt es, sei nicht unbedingt vom Bildungsgrad abhängig, aber der gesellschaftliche Status der Herkunftsfamilie spiele eine maßgebliche Rolle . Dann macht Gudrun Heinrich eine Einschränkung. "Die Lehrer berichten mir, dass lernschwache Schüler stärker rechts eingestellt sind".

Ulf Lübcke befindet bereits, dass die gezielte Auseinandersetzung sich lohne und man sich weiterhin offen mit den Problemen beschäftigen müsse. Denn es passier e ihm schon jetzt, dass ein einzelner Schüler in der Klasse, der nationalsozialistische Parolen benutzte, von den anderen attackiert und abgeschoben wurde.

Nordkurier

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