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Überblick über die jüngsten Anschläge in Rostock-Lichtenhagen

09.01.2003
Rechtsextreme nach Brandanschlag vor Gericht

Rostock (ddp) Eine Serie von Brandanschlägen auf asiatische Geschäfte in Rostock-Lichtenhagen beschäftigt seit gestern das Rostocker Landgericht. Angeklagt sind vier junge Männer im Alter zwischen 15 und 24 Jahren, die in einer Sommernacht vergangenen Jahres fünf Bistros und ausländische Märkte überfallen und ein Wohnhaus in Brand gesetzt haben sollen. Dabei hätten sie den Tod von Menschen billigend in Kauf genommen, wirft ihnen die Staatsanwaltschaft vor. Verletzt wurde niemand, es entstand jedoch hoher Sachschaden. Drei der Tatverdächtigen schweigen, der vierte will sich zu den Vorwürfen äußern. Mindestens drei Angeklagte gehören laut Staatsanwaltschaft der rechtsextremistischen Szene an. Nach einer ausgiebigen Zechtour zündeten sie ein leer stehendes Büro der Arbeiterwohlfahrt an. Durch den Brand gerieten mehrere Familien in dem elfstöckigen Gebäude in akute Lebensgefahr, wie die Staatsanwaltschaft anklagt. Bereits 1992 hatten Rechtsextreme in Lichtenhagen für Tumulte gesorgt.

Ostseezeitung

09.01.2003
Brandstifter: "Wir wollten nur Spaß" - Vier junge Männer stehen seit gestern vor dem Landgericht

Stadtmitte (OZ) Seit gestern müssen sich vier junge Männer vor dem Rostocker Landgericht verantworten, weil sie im vergangenen Juli Molotow-Cocktails auf verschiedene Gebäude in Lichtenhagen warfen. Fast genau zehn Jahre nach den Anschlägen von 1992 war auch ihr Ziel unter anderem das Sonnenblumenhaus.

Angeklagt sind der 15-jährige Mirko B., der 16-jährige Stefan S. und der 21-jährige Stefan N.. Sie gehören, so die Staatsanwaltschaft, der rechten Rostocker Skinhead-Szene an. Bei Mirko B. wurden verfassungsfeindliche Symbole gefunden. Unter anderem entdeckte man in seinem Zimmer ein Bild von Adolf Hitler, ein Poster mit der Aufschrift "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" und Hakenkreuz-Symbole. Mit ihrer Tat hätten sie ihre "rechtsextremistische, ausländerfeindliche und menschenverachtende Gesinnung" zum Ausdruck bringen wollen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen versuchten Mord, Brandstiftung und schwere Brandstiftung, Sachbeschädigung und Verstoß gegen das Waffengesetz vor.

Steffen S. (24) wird wegen Brandstiftung, Sachbeschädigung und Verstoß gegen das Waffengesetz angeklagt. Er war der Einzige, der selbst zu den Ereignissen am 19. und 20. Juli 2002 aussagte. Steffen S. erklärte, dass er die drei anderen erst kurz vor den Taten zufällig an einem Pavillon in der Nähe des Sonnenblumenhauses kennen gelernt hatte.

Mirko B. und Stefan S. ließen ihre Aussagen zur Person und zur Tat von ihren Anwältinnen verlesen. Beide erklärten, sie hätten sich damals am Pavillon getroffen, um den Geburtstag eines Freundes "vorzufeiern". Stefan N. - er wollte sich nicht äußern - habe nach Konsum von Bier und Schnaps gesagt: "Lasst uns ein bisschen Spaß haben!" Er hätte vorgeschlagen, Molotow-Cocktails zu basteln. Die Brandsätze sollten in das Sonnenblumenhaus fliegen. Dort, im "Chinesen-Klub", so vermutete der 21-Jährige, sollte eine Gedenkfeier des Vereins "Bunt statt braun" zu den Anschlägen von 1992 bevorstehen. Mirko B. und Stefan S. erklärten, dass sie mit leeren Flaschen und Benzin aus einem herumliegenden Moped die "Mollis" bastelten.

Zunächst beschädigten die drei die Scheiben des Asia-Imbisses in der Parchimer Straße, von Asia-Imbiss und Asia-Markt in der Güstrower Straße. Zusammen mit Steffen S. warfen sie um Mitternacht den ersten Brandsatz in das China-Bistro in der Teterower Straße. Kurz vor 3 Uhr am 20. Juli warf Stefan N. mit den anderen Angeklagten einen Molotow-Cocktail in das Sonnenblumenhaus. Zu dieser Zeit befanden sich mindestens 21 Menschen darin, deren Tod die jungen Männer billigend in Kauf genommen hätten, so die Staatsanwaltschaft.

"Ich wollte keinen töten oder verletzen", hieß es in Stefan S.s Aussage. Mirko B.s Erklärung lautete: "Ich habe nie daran gedacht, Menschenleben zu gefährden. Wir wollten das nur so, aus Langeweile, machen." Auch Steffen S. "dachte sich nichts dabei", als er Brandsätze warf.

Aufgrund erheblichen Alkoholkonsums seien die Angeklagten vermindert schuldfähig gewesen, so die Staatsanwaltschaft. Sie müssten dennoch mit mehrjährigen Haftstrafen rechnen. Morgen wird der Prozess mit der Vernehmung von drei Dutzend Zeugen fortgesetzt.

Ostseezeitung-Rostock

09.01.2003
Der zweite Anschlag nach zehn Jahren - Gericht untersucht Angriff auf Sonnenblumenhaus

Rostock. Bilder von fliegenden Brandflaschen auf das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen gingen im August 1992 um die Welt. Etwa hundert Vietnamesen liefen um ihr Leben. Genau ein Jahrzehnt nach den Krawallen werfen erneut vier Jugendliche aus Ausländerhass Molotowcocktails in das Haus. Was ging in ihren Köpfen vor? Gestern begann der Prozess.

Der milchgesichtige Stefan S. ist 16 Jahre und hat den Abschluss der sechsten Klasse. Schuleschwänzen und Alkohol waren bis zur Tat sein Lebensinhalt. Vor Gericht sitzt der schmächtige Junge wegen versuchten Mordes.

21 Menschen schwebten in der Nacht vom 19. zum 20. Juli 2002 in Lebensgefahr, als Stefan zusammen mit seinen Kumpels Mirko B. und Stefan N. sowie Steffen S. Brandflaschen in den ersten Stock des Sonnenblumenhauses warfen. Zu den Motiven sagt Staatsanwalt Olrik Popiolek: "Die Angeklagten wollten mit den Brandsätzen einen Klub von Vietnamesen zerstören, in dem eine Gedenkveranstaltung für die Ereignisse von 1992 stattfinden sollte". Doch entweder waren die Angreifer zu dumm oder zu betrunken, sie steckten ein leeres Büro der Arbeiterwohlfahrt in Brand.In den Stockwerken über dem Büro wohnten Familien, deren Tod die Angeklagten zumindest billigend in Kauf genommen hätten, so Popoilek. Giftiger Qualm habe sich bereits im gesamten Treppenhaus ausgebreitet. Nur durch das schnelle Eingreifen der Feuerwehren sei der Brand schließlich gelöscht worden.

Der jüngste mutmaßliche Brandstifter auf der Anklagebank ist der 15-jährige Mirko B. Auch er ist nicht der Klügste und quälte sich und seine Lehrer in der Hauptschule bis zur achten Klasse. Über seinem Bett hing im Sommer ein Bild von Adolf Hitler mit der Losung "Ein Volk, ein Reich, ein Führer". Das Plakat sei inzwischen entfernt worden - von den Eltern, erklärt der Angeklagte kleinlaut dem Richter.

Bier und Schnaps flossen reichlich

Mirko B., Stefan S. und der 21-jährige mitangeklagte Stefan N. gehörten der Rostocker Skinheadszene an. Sie kannten sich, soffen viel und oft miteinander. Bier und Schnaps flossen auch an jenem 19. Juli reichlich.

Am Ende einer Geburtstagsparty gegen 23. Uhr kam Stefan N. auf die Idee, "den Vietnamesen in Lichtenhagen was auf die Mütze zu hauen". Der Alkoholiker Steffen S., der auf der Party etwa fünfzehn Bier getrunken hatte, gesellte sich dazu. "Warum, weiß ich nicht", sagt der 24-jährige Arbeitslose vor Gericht.

Einen genauen Plan hatten die Schläger offenbar nicht. Als sie an einem Moped vorbeikamen, stahlen sie kurzerhand Benzin und bastelten mit Bierflaschen Molotowcocktails. Auf ihrem Weg zum Sonnenblumenhaus schlugen die Angeklagten mit Steinen und Stiefeln in vier asiatischen Imbissläden und Märkten die Scheiben ein. Ein Brandsatz, der selbst erlosch, flog in ein China-Restaurant. Die Einrichtungen waren geschlossen, verletzt wurde zum Glück niemand.

Am Freitag soll der Prozess fortgesetzt werden. Sechs Verhandlungstage sind bisher geplant.

Schweriner Volkszeitung

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