Presse-Schau

worüber wird in den Medien geschrieben?

zurück zu den News

08.01.2003
Bestürzung nach einem verzweifelten Hilferuf - Neuenkirchner wollen gegen fremdenfeindliche Gewalt ein Zeichen setzen - Bürgermeister: Es gibt keine rechte Szene

Neuenkirchen/Greifswald (OZ) Familie Nicolaides kehrte vorigen Freitag von ihrem Weihnachtsurlaub zurück und musste daheim eine böse Überraschung erleben. Ein Fenster ihres Einfamilienhauses war zerschlagen, der Briefkasten demoliert, die Lampen neben der Haustür abgerissen. . . Doch dieser Vandalismus war nicht nur ein übler Silvesterscherz übermütiger Jugendlicher. Er war der bislang schlimmste Akt roher Gewalt in einer ganzen Serie von Beschimpfungen und Attacken, die Christiane und Nicos Nicolaides mit ihrer Tochter seit 1996 ertragen.

Attacken, die immer wieder fremdenfeinliche Züge trugen, wie der gebürtige Zypriot schmerzhaft feststellen musste. Der Anruf der Familie bei der OZ sollte ein Hilferuf sein, ein verzweifelter Aufschrei, um die Demütigungen nicht mehr schweigsam hinzunehmen. "Wir wollen die Menschen wachrütteln", sagte Christiane Nicolaides.

Reaktionen kamen prompt. OZ-Leser äußerten spontan ihre Bestürzung über diese Geschichte, die nicht irgendwo in Deutschland, nicht in einem Film und auch nicht in einem Albtraum passiert, sondern hier - nahe Greifswald.

"Die Betroffenheit sitzt tief. Aber was tun? Wegsehen? Still seiner Arbeit nachgehen? Menschlich nur verständlich! Was jedoch sagen wir unseren Kindern, unseren eigenen und unseren Patienten, wenn es eines Tages wieder zu spät ist für dieses Land?" Diese Zeilen schrieben Ärzte der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Greifswalder Universität in einem Brief an die OZ und erklären: "Dr. Nicolaides ist seit über 20 Jahren als Kinderarzt tätig und hat sich in dieser Zeit sowohl als Arzt als auch in seiner jetzigen Position mit all seinem Können für das Wohl der Kinder und Jugendlichen in unserer Region eingesetzt. Was aber kann die Gemeinde Neuenkirchen heute für ihn und seine Familie, aber auch für alle Einwohner und für die Jugendlichen tun? Die Devise ,Bunt statt Braun' darf nicht nur Motto auf dem Marktplatz sein, sondern muss auch im täglichen Miteinander gelebt werden", heißt es in dem Schreiben.

Diese Auffassung vertreten auch Bürger Neuenkirchens. Nils Müller von der Gemeindevertretung nutzte am Montagabend die gemeinsame Sitzung des Bauausschusses und des Finanzausschusses, um das Thema anzusprechen und die Frage aufzuwerfen, was man als Gemeinde tun könne, um der Familie zu helfen.

Der hinzugeladene Pastor Hans-Jörg Krug, der sich ebenfalls über die Geschehnisse erschüttert zeigte, berichtete von den Überlegungen der Nachbarn Nicolaides: "Die Männer wollen sich Dienstagabend treffen, um ein Zeichen zu setzen. Das Zeichen: wir stehen zusammen, sehen weiteren Gewalttaten nicht mehr tatenlos zu", so Krug und schlug vor, dass weitere Neuenkirchner an dieser Nachbarschaftsrunde teilnehmen. Thomas Möller sagte spontan sein Kommen zu. Es dürfe nicht sein, dass solche Angriffe auf Leib und Leben weiter hingenommen würden. "Sie zeigen unsere Ohnmacht kriminellen Jugendlichen gegenüber. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir handeln und ihnen auch Konsequenzen ihres Tuns aufzeigen", so Möller.

Bürgermeister Norbert Riechert indes betonte, dass es eine "rechte Szene", die hier der Taten verdächtigt wird, in Neuenkirchen nicht gebe. Möglicherweise, so Riechert, handele es sich hier weniger um bewusst fremdenfeindliche Attacken als vielmehr um die Zerstörungswut einer Handvoll Heranwachsender. "Auf dem Spielplatz trifft sich eine Gruppe von 13- bis 16-Jährigen, die zu Vandalismus neigt. Drei davon haben bereits Hausverbot im Freizeitzentrum", berichtet der Bürgermeister. Zudem seien zwischen Weihnachten und Neujahr nahe Marktkauf sieben Straßenlaternen zertrümmert worden. Der Schaden für die Gemeinde: satte 25 000 Euro! Norbert Riechert sprach sich deshalb dafür aus, die genauen Hintergründe der Angriffe auf Familie Nicolaides zu hinterfragen und zu klären - auch in Zusammenarbeit mit der Polizei. "Wenn es sich aber tatsächlich so verhält, wie geschildert, müssen wir den Jugendlichen eindeutige Grenzen aufzeigen", so Riechert.

Ostseezeitung-Greifswald

diskutieren? auf ins Forum!