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08.01.2003
"Es kaufte sich dort gut ein" - 1886 gründete eine jüdische Familie ein Kaufhaus in Ferdinandshof - Heute ist das Gebäude dem Verfall nahe
Von unserem Redaktionsmitglied
Gabriele Heyden
Ferdinandshof. "Da hat es sich gut eingekauft." Diese Aussage machten fast alle Rätselrater, die das auf unserem jüngsten Fotorätsel abgebildete Gebäude mit der Reklameschrift "Textil" erkannten. Knapp 20 Anrufer wussten die richtige Lösung.
Das Haus, an dem "Textil" auch heute noch zu lesen ist, steht in Ferdinandshof, Am Markt, gegenüber dem heutigen Amt Ferdinandshof. Die Buchstaben stehen für eine lange und bewegte Kaufhaus-Geschichte.
Die in Ferdinandshof geborene und heute 75-jährige Christel Mahnke kennt einen großen Teil dieser Geschichte aus eigenem Erleben. Sie besitzt auch ein Zeugnis, das den Gründungstag des Geschäftes genau dokumentiert: einen Kleiderbügel. Auf diesem hölzernen Bügel steht: "1886 gegründet - Max Pless - Fernruf 205". Die Familie Pless war jüdischer Abstammung. Als Christel Mahnke mit ihren Eltern bei den Pless' einkaufen ging, führte der Sohn von Max Pless bereits das Handelshaus. "Es war ein schönes Geschäft, und es kaufte sich dort sehr gut ein", erinnert sich die Ferdinandshoferin. Und die Kaufleute seien keine "Halsabschneider" gewesen, im Gegenteil, sie hätten immer die Armen unterstützt. Um so mehr bedauert sie das Schicksal, was nach der Machtergreifung Hitlers auch diese jüdische Familie ereilte. "Eines Morgens, es muss im Jahr 1936 gewesen sein, fiel mir auf dem Weg zur Schule ein SA-Mann auf. Der stand vor dem Gebäude der heutigen Amtsverwaltung", schildert sie das Erlebte. Dann knirschte es unter ihren Füßen. Der Geweg war mit Glasscherben übersät. Die Nazis hatten die Scheiben des jüdischen Kaufhauses eingeschlagen, und der SA-Mann gegenüber passte auf, dass kein Deutscher mehr den Laden der Juden Pless' betritt, erzählt Christel Mahnke von schlimmen Zeiten.
Außer den Geschäftsräumen befanden sich in dem Haus Lager und Wohnung. Der Kaufhausbegründer Max Pless und seine Frau wohnten dort mit der Familie des Sohnes, zu der die Töchter Eva und Renate gehörten. "Meine Schwester Ursula ist mit Eva Pless zur Schule gegangen", schildert Christel Mahnke.
Kurz nach dem Übergriff der Nazis seien die Pless` nicht mehr da gewesen. Zumindest von den Töchtern weiß sie, dass diese nach Amerika gelangten. Ob sie heute noch dort leben, kann sie nicht sagen. Eva wäre heute 77 und Renate 75 Jahre alt, rechnet sie nach.
Ein Gruß zum Abschied
Nachdem die jüdischen Kaufleute vertrieben waren, war ein Herr Kraft für das Geschäft verantwortlich. Als die Russen dann in Ferdinandshof ankamen, endete die Kaufmannszeit von Kraft. "Ich kann mich noch genau erinnern. Ich stand am Gartenzaun, als die Russen Herrn Kraft und unseren Lehrer Bader vorbeiführten", schildert sie. "Lehrer Bader grüßte mich noch." Kurz darauf sollen beide erschossen und verscharrt worden sein. Zumindest beim Lehrer Bader ist sich Christel Mahnke sicher, habe es einen Unschuldigen getroffen.
Nach dem Krieg gehörte das Kaufhaus zum Konsum. Als Verkaufsstellenleiter wurde der Sohn des hingerichteten Herrn Kraft eingesetzt und führte das Textilgeschäft bis zur Wende. Seitdem sind die Türen verschlossen. "Das Haus macht einen unschönen Eindruck", findet der Ueckermünder Heinz Schönmeier . Obwohl er in Ueckermünde wohnt, wusste er des Rätsels Lösung. Hilfestellung gab ihm seine Frau, deren Großeltern im Pless'schen Geschäft damals Möbel erwarben. Dass das geschichtsträchtige Gebäude heute ein Schandfleck ist, findet Peter Gruttke aus Liepgarten ebenfalls. Anni Baumann aus Aschersleben ist eine von vielen, die es schade finden, dass der Laden nicht mehr existiert. "Es hat sich dort gut eingekauft", sagt auch sie und weiß noch, dass der Verkaufsstellenleiter Ali Kraft hieß. Die Ferdinandshoferin Veronika Sommerfeld war ebenfalls Kundin im Texilgeschäft der Konsumgenossenschaft. "Wenn Ware kam, musste man rechtzeitig da sein, um etwas zu bekommen", erzählt sie. Lange Menschenschlangen hätten dann angestanden.
Warum das Haus, das von 1886 bis 1990 als Kaufhaus diente, in solch' schlechtem Zustand ist, erfragte die Haff-Zeitung beim Amt Ueckermünde-Land. Das Haus sei an jemanden außerhalb der Region verkauft worden, teilte die mit Liegenschaften betraute Mitarbeiterin mit. Wann, von wem an wen, möchte sie nicht sagen. Und überhaupt dürfe man keine weiteren Auskünfte geben. Das Haus sei in Privatbesitz und da könne man als Behörde nichts am Zustand des Gebäudes ändern.
20 Euro gehen diesmal an Christel Mahnke aus Ferdinandshof.
Nordkurier-Ueckermünde
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