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19.12.2002
"Arbeit, Arbeit - das ist mein Traum" - 21800 Spätaussiedler und jüdische Einwanderer in Mecklenburg-Vorpommern

Schwerin Die Speisekarten in den Gaststätten der Schweriner Plattenbauviertel Mueßer Holz und Neu Zippendorf sind zweisprachig und die Supermärkte der Landeshauptstadt bieten längst extra russische Waren an. Die Landesregierung hatte die Erwartung, die 21800 Spätaussiedler und jüdische Migranten in Mecklenburg-Vorpommern durch das Zuwanderungsgesetz besser integrieren zu können. Die Hoffnung erfüllte sich bisher nicht.

Von Thomas Volgmann

Alexandra Beissenbetow lebt mit ihrem russischen Mann und den zwei Kindern seit September 1997 in einer Drei-Raum-Neubauwohnung in Mueßer Holz. In Kasachstan ist die 25-Jährige als Angehörige der deutschen Minderheit aufgewachsen. Mit den Eltern sprach sie russisch, mit den Großeltern deutsch.

"Die Zukunftsaussichten in Kasachstan wurden für Deutsche immer schlechter, viele wollten weg", meint Alexandra und nennt den aufkeimenden Nationalismus der kasachischen Mehrheit und das Wirtschaftschaos als gravierendste Probleme. Deutschland dagegen war die Hoffnung. Zumal das Grundgesetz der Bundesrepublik jedem Deutschstämmigen in der Welt Übersiedlung und Staatsbürgerschaft ermöglicht.

Sprache und Arbeit sind das Wichtigste

In Schwerin angekommen war Alexandra zum ersten Mal in ihrem Leben arbeitslos. "Ich habe nur geweint", sagt die gelernte Laborantin. Sie büffelte mit ihrem Mann deutsch. Ihren beiden Kindern fiel die Sprache leichter. Endlich, im September 2001 bekam Alexandra vom Arbeitsamt eine dreijährige Ausbildung zur Bürokauffrau und die Aussicht auf einen Job. "Arbeit, Arbeit, das ist mein Traum", erklärt Alexandra. Sprache und ein eigenes Einkommen sind die Voraussetzungen für die Integration in Deutschland, weiß sie.

Die Sprache beherrscht sie schon fast perfekt und deutsche Bekannte hat die Familie inzwischen auch. "Die meisten Schweriner sind nett", sagt die aufgeschlossene Frau, "mir gefällt es hier."

Konzentration ist "problematisch"

Etwa 18200 Spätaussiedler und 3600 Jüdische Migranten sind in den vergangenen Jahren nach Mecklenburg-Vorpommern eingewandert. Aber nirgendwo im Land leben sie so konzentriert in einem Stadtteil wie in den Schweriner Neubaugebieten Mueßer Holz und Neu Zippendorf. Klein Moskau, wie die Viertel inzwischen genannt werden, beherbergt 1550 Spätaussiedler und 1990 jüdische Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion. Leerstehende Wohnungen und billiger Wohnraum verleiteten Schweriner Behörden offensichtlich, die Neuankömmlinge immer in die selben Wohnviertel einzuquartieren. "Problematisch", findet dies der Schweriner Landtagsabgeordnete und Innenminister Gottfried Timm (SPD) im Gespräch mit unserer Zeitung. Drohende Gettoisierung und Isolation könnte die Integration wesentlich erschweren. Künftig sollten nach Timms Ansicht in Schwerin die Einwanderer so wie bereits in Rostock im gesamten Stadtgebiet angesiedelt werden.

Einer der jüdischen Migranten in Mueßer Holz ist Petr Beletzkij. Der 28-jährige Moskauer lebt seit einem halben Jahr in Schwerin und spricht dafür allerdings gut deutsch. In Moskau studierte er Luftfahrt und arbeitete als Navigator auf einem Tower, bis der Flughafen in finanzielle Turbulenzen geriet und Bankrott ging. Auch er hat einen Traum. "Ich will nächstes Jahr in Berlin Regie studieren", meint Petr. Ein Drehbuch für eine Liebesgeschichte habe er schon auf deutsch geschrieben und an der Hochschule eingereicht.

70 Prozent sind Ärzte, Ingenieure, Informatiker

Im Gegensatz zu den deutschen Spätaussiedlern haben fast alle jüdischen Migranten eine hohe berufliche Ausbildung. "70 Prozent der eingewanderten Juden verfügen über akademische Abschlüsse", erklärt Timm. Sie sind Ärzte, Ingenieure, Informatiker oder Künstler. Fachleute, die in Mecklenburg-Vorpommern gesucht werden. Jüdische Migranten haben aber - im Gegensatz zu Spätaussiedlern - vor dem deutschen Amtsschimmel keinen Anspruch auf Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse. Hohe Arbeitslosigkeit ist die Folge.

Mit den eingewanderten Juden soll die Lebenskraft der deutschen jüdischen Gemeinden Jahrzehnte nach faschistischer Vernichtung und Verfolgung gestärkt werden. Auf Grund der Religionsfreiheit können die Eingewanderten aber selbst entscheiden, ob sie am religiösen Leben teilnehmen. Etwa ein Drittel der eingewanderten Juden in Mecklenburg-Vorpommern haben sich den beiden einzigen Gemeinden in Rostock und Schwerin angeschlossen.

Einige Brüder von Petr sind nach Israel ausgewandert. Er sieht seine Zukunft in Deutschland. Antisemitismus oder Ausländerfeindlichkeit seien ihm persönlich in Schwerin nie begegnet. "Sicher gibt es so etwas, aber Deutschland ist ein modernes demokratisches Land, Verbrechen wie in der Nazi-Diktatur werden sich nicht wiederholen", meint Petr.

Für die Integration der 21800 Spätaussiedler und Migranten in Mecklenburg-Vorpommern fühlten sich bisher mehr oder weniger die Kommunen verantwortlich. Die Hauptarbeit bei Hilfe und Beratung leisteten vorwiegend örtliche gemeinnützige Organisationen und Projekte wie der Verein "Spätaussiedler und Migranten" im Haus der Begegnung in Schwerin.

Das wird wohl auch in der nächsten Zeit so bleiben müssen. Denn nach dem in Karlsruhe gescheiterten Zuwanderungsgesetz gibt es bis auf weiteres keine Bundeskompetenz für die dringend notwendige Integrationsförderung. Es fehlt damit Geld vom Bund für Sprach- und Integrationskurse.

Als Bundestag und Bundesrat im Sommer das gestern aufgehobene Zuwanderungsgesetz verabschiedeten, rückte befasste sich auch die rot-rote Landesregierung intensiver mit dem Problem. Das Kabinett beschloss im Juli die Einrichtung eines Integrationsfachdienstes und einer interministeriellen Arbeitsgruppe. Im kommenden Jahr sollen endlich Leitlinien zur Integrationspolitik vorgelegt werden. An der Wirksamkeit des Integrationsfachdienstes gibt es selbst in der Koalition Zweifel.

Integration gegen Abwanderung

Innenminister Timm sieht in der Integration der Aussiedler und Migranten auch eine Chance für das von Abwanderung und drohender Vergreisung betroffene Mecklenburg-Vorpommern. Er setzte bisher auf das Zuwanderungsgesetz, "wegen der Integrationsförderung, und weil die Kriterien für die Einwanderung klarer und moderner definiert werden", so der Minister. Doch mit dem gestrigen Verfassungsgerichtsurteil ist ein notwendiges Zuwanderungsgesetz für Deutschland wieder in weite Ferne gerückt. Und die Probleme werden nicht kleiner.

Schweriner Volkszeitung

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