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13.12.2002
1200 Unterschriften gegen Heim in alter Kriegsschule - Bürgerbegehren gegen neues Flüchtlingsheim in Anklam nicht ausgeschlossen

Anklam (sd). Erstmals in der Anklamer Geschichte zeichnet sich die Möglichkeit eines Bürgerbegehrens ab - und zwar wegen des geplanten Asylbewerberheims in der einstigen Kriegsschule. Fünf Prozent der insgesamt 15 200 Einwohner müssten dafür unterschreiben, "und diese Hürde würden wir mit Sicherheit überspringen", zeigte sich Edwin Hübner gestern während der Einwohnerfragestunde der Stadtvertretung überzeugt: Der Chef der Diskothek "Club" übergab Bürgermeister Michael Galander (parteilos) nämlich 1200 Unterschriften - allesamt gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in der nahe gelegenen Kriegsschule.

Würde dort tatsächlich ein Heim eingerichtet, fürchtet Hübner Spannungen angesichts der Nähe zur Südstadt als dem sozialen Brennpunkt Anklams. "Und wir wären wieder mittendrin", warnte der "Club"-Chef, der auch auf die Probleme in Anklam mit gewaltbereiten Aussiedlern verwies. "Krawalle sind vorprogrammiert", bestätigte der Abgeordnete Wolfgang Krüger (CDU).

Doch: "Die Stadtvertretung hat keine Entscheidung zu fällen", hielt der Bürgermeister das Anklamer Parlament für den falschen Protest-Adressaten. Hübner müsse sich gegenüber dem für die Flüchtlings-Unterbringung zuständigen Kreis äußern. Als Aufsichtsratschef der städtischen Grundstücks- und Wohnungswirtschafts GmbH (GWA) würde er es jedoch begrüßen, wenn die GWA die alte Kriegsschule nach langem Leerstand wieder vermieten könnte, fügte Galander hinzu. Außerdem wies er darauf hin, dass in Anklam die Asylbewerber kaum Probleme bereiten - wohl aber einige Spätaussiedler, denen der Rathauschef "organisierte Beschaffungskriminalität" bescheinigte.

Als unterdessen der Autohändler Dirk Engels davon sprach, dass auf das Konto der im einstigen Hotel "Anklam" untergebrachten Asylbewerber Ladendiebstähle in umliegenden Geschäften gehen und andere Gewerbetreibende wegen der Nähe zum Heim Umsatzeinbußen erleiden, platzte Rolf Koehler (SPD) der Kragen: Es sei "etwas ganz Schlimmes", Schreckgespenste an die Wand zu malen. Auch dass während der Debatte den Rednern mehrfach der - falsche - Begriff "Asylant" herausrutschte, sah Koehler als Beleg für "eine latente Einstellung".

Nordkurier-Anklam

13.12.2002
Kommentar: Unterschriften mit falschem Ziel

1200 Unterschriften gegen ein Asylbewerberheim in der ehemaligen Kriegsschule, innerhalb von nur einer Woche gesammelt: Ein deutlicheres Zeichen für die Brisanz des Themas ist kaum vorstellbar. Und tatsächlich sind die Befürchtungen von mehr oder weniger direkten Nachbarn vor Randale nicht einfach von der Hand zu weisen: Rechtsgerichtete Jugendliche, gewaltbereite Aussiedler und Asylbewerber auf engem Raum - das ist eine brisante Mischung.

Allerdings wurde gestern auch deutlich, welche dieser drei Gruppen in Anklam bislang die wenigsten Schwierigkeiten bereitet hat: die der Asylbewerber.Deshalb geht die Unterschriftensammlung in eine falsche Richtung: Nicht Flüchtlinge in der einstigen Kriegsschule wären das Problem, es sind vielmehr die beiden anderen Gruppen.

Aus Angst vor rechten Cliquen und Aussiedler-Banden die Heimpläne zu kippen, käme einer Kapitulation des Rechtsstaates gleich. Die Kriegsschule ist als Gebäude geeignet, daran besteht kein ernsthafter Zweifel. Obendrein würde dieser für das Stadtbild so wichtige Bau nach jahrelangem Verfall endlich wieder genutzt. Sollten dann tatsächlich Krawalle drohen, ist in Anklam wie in Großstädten permanenter Polizeischutz nötig. Leider. Doch dies läge wohl nicht an den Heimbewohnern.

Siegfried Denzel

Nordkurier-Anklam

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