Presse-Schau

worüber wird in den Medien geschrieben?

zurück zu den News

05.12.2002
Rechtsextremismus in Bützow - Interview mit MAEX-Ermittler Peter Ernst aus Rostock und über de Umgang mit Dresscodes an Schulen


Rechte Szene im Visier - POINT-Interview mit Peter Ernst, Kriminalhauptkommissar

Bützow Nach einer neuen Studie der Universität Rostock hat sich die Zahl der rechtsorientierten Jugendlichen im Land halbiert. Wie sieht das in Bützow aus?, wollte POINT erfahren. Kriminalhauptkommissar Peter Ernst spricht über das Einsatzgebiet der Mobilen Aufklärungsgruppe Extremismus (MAEX) aus Rostock.

Ist Bützow ein Schwerpunkt der Ermittlungen?

Ernst: Aus Sicht der Polizeidirektion Rostock ist es einer von mehreren Schwerpunkten. Aber im Prinzip sind das alle größeren Städte.

Wie oft haben Sie hier Einsätze?

Ernst: Eigentlich ständig. Wir gehen auf die Leute zu, versuchen, sie in ihren Bereichen aufzusuchen, Gespräche mit ihnen zu führen. Sie sollen den Eindruck gewinnen, dass die Polizei weiß, wo und wer sie sind, dadurch wird es für sie schwerer, Straftaten zu begehen. Wir wollen ihnen auch helfen. Wenn sie Probleme haben, sei es sozialer Natur, bei Arbeitsbeschaffung oder Wohnungssuche, wären wir ebenfalls Ansprechpartner. Aber das wird kaum genutzt.

Haben Sie mitIhren Gesprächen auch schon Jugendliche von der Rechtsorientiertheit "abgebracht"?

Ernst: Haben wir die Meinung unseres Gegenübers mitbekommen, können wir sie beeinflussen. Wir versuchen, Argumenten mit Statistikzahlen und unseren Argumenten entgegenzuwirken. Es gibt welche, die sich "bekehren" lassen, aber der eine oder andere ist so verfestigt in seiner Meinung, da kann man nichts machen.

Was können Gründe dafür sein, dass man "rechts" ist?

Ernst: Da gibt es verschiedene Studien, die sehr in die Breite gehen. Ich kann da nur meine persönliche Meinung vertreten. Ich sehe nach wie vor Gründe einerseits in der familiären Herkunft. Was gibt es da für Probleme? Andererseits auch soziale Hintergründe: keine Lehre bekommen, arbeitslos... Darin sehe ich die Hauptursache.

Wie stark ist die Gruppe der "Rechten" in Bützow?

Ernst: Es gibt einen Kern von fünf bis zehn Personen, die sind seit Jahren relativ konstant. Und dann gibt es die Zuläufer bzw. Abgänger. Der harte Kern ist in meiner Meinung stark verfestigt, besucht rechtsextremistische Skinhead-Konzerte, ist bei Demonstrationen dabei, die von Rechten initiiert werden, sowohl landes- als auch bundesweit aktiv sind. Im Prinzip sind diejenigen bei herausragenden Ereignissen für die rechte Szene präsent.

Wenn Sie sagen, fünf bis zehn Personen sind der Kern, sind das junge Leute?

Ernst: Über 20 Jahre bis an die 30. Bei den Zuläufern und Abgängern fängt es meist so mit 16 an. Ein Dunstkreis von 40 Leuten in der Szene ist durchaus möglich.

Gibt es unterschiedliche Strömungen in Bützow?

Ernst: Es gibt die Neonazi- und Skinhead-Bewegung. Die kann man nicht klar differenzieren, das verwischt sich. Einige versuchen auch, als Skinhead eine Parteizugehörigkeit zu erlangen. Im gesamten Polizeidirektionsbereich agiert unter anderem die NPD und versucht, Leute aus beiden Szenen für die Partei zu gewinnen.

Wie gut ist diese Szene organisiert?

Ernst: Wir sprechen von einer hohen Organisiertheit. Der harte Kern ist landes- als auch bundesweit mit Leuten organisiert, die was zu sagen haben in der Szene. Es gibt Konzerte und Zeitschriften, die unter der Hand weitergegeben werden. Außerdem trifft sich die Szene bei Stadtveranstaltungen, ihre gängigen Treffpunkte in Bützow in den Sommermonaten sind die Tankstelle und der Parkplatz an der Bleiche.

Wie gut kommt man rein in die Szene?

Relativ schnell. Entweder durch seine Anschauung, die man vertritt, oder sein Äußeres. Man ist hier als Gruppe interessiert, neue Mitglieder zu gewinnen. Wenn die Anwerber ihre Meinung sagen, werden sie gehört und schnell aufgenommen. Wenn sie dann noch ein bisschen aktiv mitwirken, sind sie gern gesehene Mitglieder.

Wie steht's mit dem Aussteigen aus der Gruppe?

Das ist nicht so einfach. Man wird immer wieder auf Gründe angesprochen. Wenn man durch das berufliche Umfeld oder Wohn-Verhältnisse ausgestiegen ist, wird das oft akzeptiert. Aber plötzlich zu sagen, "ich hab keinen Bock mehr", das hinterfragen die Leute und werden härter in der Wortwahl.


"Wir gehen mit offenen Augen durch die Welt" - Kollwitzschule hat Symbole per Ordnung untersagt

Was ist verboten, in Schulen zu tragen (Zeichen, Klamotten)? Kriminalhauptkomissar Peter Ernst sagt, das müsse die jeweilige Schulordnung festlegen.

Am Geschwister-Scholl-Gymnasium, der Kopernikus- und der Käthe-Kollwitz- Schule in Bützow hat sich POINT nach einem verankerten Verbot erkundigt. Nur an der Kollwitzschule steht im Punkt 14 der Schulordnung vom 1. August 2000 folgendes: "Laut Beschluss der Schulkonferenz vom Februar 1999 wird die Hausordnung wie folgt ergänzt: Das Tragen von Symbolen von Organisationen mit rassistischer oder menschenverachtender Programmatik ist an der Schule nicht gestattet." Wie es kommt, dass nur an der Käthe-Kollwitz-Schule etwas dazu steht, erklärt Schulleiter Hans-Ulrich Pabusch so: "Wir gehen mit offenen Augendurch die Welt." Damals sei es immer auffälliger geworden, dass sich viele Schüler mit Symbolen verfassungsfeindlicher und rassistischer Organisationen regelrecht geschmückt haben. Das wurde durch Aufnäher, Ketten und Aufdrucke auf Kleidungsstücken deutlich gemacht. Lehrer an der Schule fanden Hakenkreuze in Fenstern versteckt, auf die Tischen gemalt. Eine Lehrerin fand sogar einen Liedtext in einem Heft. "Dagegen wollten wir etwas machen", so Pabusch. Daraufhin folgte das verankerte Verbot in der Hausordnung. Die Schüler wurden belehrt. "Ein Verstoß konnte erst eine Verwarnung, dann einen Verweis und letzten Endes eine Verweisung von der Schule nach sich ziehen", erklärt der Schulleiter. Aber so weit sei es nie gekommen. Auf jeden Fall stellt der Schulleiter fest: "An unserer Schule hat es geholfen. Die Äußerlichkeiten sind unterblieben. Mit solchen Aktionen kann man nur die Problematik ins Gedächtnis zurückrufen. Leider kann man damit die Wurzel nicht bekämpfen", so Hans-Ulrich Pabusch. Aus seiner Sicht sei eine Reaktion auf die Entstehung der Phase der Rechtsorientiertheit in Bützow schon zwischen 1992 und 1994 verpasst worden. "Weil es niemand sehen wollte", ergänzt der Zepeliner. Das müsse nicht noch einmal geschehen.

Lehrerin Ulrike Ueckermann erinnert sich ebenfalls an die 90er-Jahre. "Damals haben sich solche Leute zwischen der achten und zehnten Klassenstufe gesammelt. Heute gibt es solche Gruppierungen nicht mehr zu sehen", erzählt sie. Heute höre sie zwar ab und an Äußerungen in der Richtung, kann aber ein typisches Erscheinungsbild nicht erkennen. "Ich habe das Gefühl, als wollten diese Schüler nicht mehr auffallen", erklärt die Lehrerin. Es werde ruhiger, aber man müsse sensibel für solche Entwicklungen bleiben, denn es sei nicht so, dass gar nichts mehr passiere. Vor kurzem sei beispielsweise eine Schmiererei auf einem Stuhl gemeldet worden, ein Hakenkreuz, erzählt die Bützowerin. "Das letzte Mal hatten wir so etwas vor drei Jahren", erinnert sie sich.

Schweriner Volkszeitung-Bützow

diskutieren? auf ins Forum!