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03.12.2002
Gegen Sprachlosigkeit, für Streitkultur - Neustrelitzer Bürgermeister Rainer Günther zieht Bilanz des Projektes "Anstoß - Soziale Nachhaltigkeit"
Neustrelitz. Seit vier Jahren gibt es in Neustrelitz das Projekt "Anstoß - Soziale Nachhaltigkeit". Unser Redaktionsmitglied Mario Tumm befragte den Neustrelitzer Bürgermeister Rainer Günther (SPD) zu dem bisher Erreichten.
Vier Jahre "Soziale Nachhaltigkeit". Kann man das in Neustrelitz schon an etwas festmachen?
Den Begriff "Soziale Nachhaltigkeit" zu greifen ist einfacher, als etwas Messbares darzustellen, weil dieses Projekt auf Langfristigkeit angelegt ist. Es geht gegen die Sprachlosigkeit gegenüber dem Rechtsextremismus, für eine gute Streitkultur in der Stadt und vor allem um Kommunikation auf verschiedenen Ebenen. Und da haben wir einiges erreichen können.
Wie ist das Projekt entstanden?
Wir wurden in der Mitte der 90er Jahre speziell in den neuen Bundesländern mit dem Phänomen des Rechtsextremismus sehr stark konfrontiert. Die Tatsache, dass er existiert hat, hat mich nicht so sprachlos gemacht wie die Frage, wie kann man dagegen angehen. Wenn man überhaupt etwas ändern will, dann muss man ein Klima in der Stadt schaffen, das dem Rechtsextremismus den Nährboden entzieht. Das war eines der Anliegen.
Wer arbeitet in dem Projekt, was passiert dort?
Ich habe auf engagierte Bürger gesetzt und bin froh, dass ich diese Menschen auch gefunden habe. Sie engagieren sich vorwiegend in der Freizeit für diese Themen, haben verschiedene Projekte entwickelt und tragen die Idee weiter. Es geht um die Bereiche "Werte", "Schule", "Begegnung" und "Familie". Das Vorhaben hat inzwischen landesweit viel Aufsehen erregt und einige Preise gebracht. Diese Arbeit ist also nicht selbstverständlich. Ich wünsche mir, dass es in jeder Stadt so ein Projekt gibt. Dann würde man viel mehr erreichen, auch mehr Menschen.
Ist der Rechtsextremismus weiterhin der Hauptinhalt?
Wir haben am Anfang sehr darüber diskutiert, ob wir die Gefahr von Rechts als Aufhänger nehmen oder nicht. Wir haben uns dann darauf verständigt, dass wir generell in der Gemeinschaft dieser Stadt etwas verändern wollen und damit dann auch erreichen, dass der Rechtsextremismus keinen Nährboden mehr hat. Alles andere wäre zu plakativ.
Welche Meilensteine sind bislang gesetzt worden?
Es gibt einige. Das, was beispielsweise in Kiefernheide rund um das Kohlberg- Gelände passiert, soll nun auch in die Stadtmitte getragen werden. Wenn wir das schaffen, dann haben wir einen Riesensprung gemacht. Zweiter Komplex ist die Zusammenarbeit von Eltern, Lehrern und Betreuern im außerschulischen Bereich. Dort soll es zu Gesprächen kommen, die nicht gleich eine Schuldzuweisung enthalten. Erst einmal sollen die Probleme benannt werden, darüber geredet und nach Lösungen gesucht werden. Das ist aber ein langwieriges Problem, bei dem auch viel Idealismus mit bei ist.
Gibt es da nicht die Gefahr, einfach aufzugeben?
Manchmal fühle ich mich wie Don Quichote, aber man muss es tun. Wenn man dann einiges geschafft hat und die richtigen Mitstreiter dabei sind, geht es immer weiter. Inwieweit das am Ende Früchte trägt, kann ich allerdings nicht sagen. Aber es verbessert das Klima. Und wenn ein Außenstehender sagt, es hat sich etwas verändert in Neustrelitz, außer dass die Häuser neu gemacht sind, dann nehme ich das wohlwollend entgegen. Er kann es auch nicht benennen, aber er fühlt es.
Gibt es schon konkrete Pläne für die Innenstadt?
Bislang gibt es den Bereich zwischen Nehru-Schule, Neuem Markt und Glambecker Straße. Es stehen auch schon Leute fest, die eingebunden werden sollen. Ein konkretes Projekt oder Objekt ist noch nicht festgemacht. Das wird sich aber finden.
Wie geht es weiter?
Das Projekt soll auf jeden Fall weitergehen, egal, ob ich als Bürgermeister im nächsten Jahr wiedergewählt werde. Ein weiterer Schwerpunkt ist beispielsweise noch die Sprachlosigkeit zwischen Arbeitslosen und Arbeitenden. Das bringt Isolation, die mit weiteren Projekten überwunden werden soll. Es gibt eine Vielzahl von Mosaiksteinen. Ich bin richtig stolz auf das, was hier passiert.
Braucht man dafür nicht viel Geld?
Geld hat vordergründig nie die Rolle gespielt. Alle, die hier waren, haben klargemacht, dass das Ehrenamt die erste Geige spielt. Sicher wird einiges finanziell begleitet. Aber es war nie der Ansatz, dass zuerst Geld und Stellen da sein müssen. Es soll von innen heraus Gestalt annehmen. Das ist sehr idealistisch, hat aber schon zum Erfolg geführt. Hannelore Hildebrandt ist dort ein Beispiel, das Schule macht und weiter machen sollte.
Nordkurier-Neustrelitz
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