Presse-Schau

worüber wird in den Medien geschrieben?

zurück zu den News

03.12.2002
Rabbi büffelt Russisch - Landesrabbiner Wolff will Zuwanderern Türen ins Judentum öffnen: mit Predigten auf Russisch und Hebräisch

Rostock (ddp) Allen Widrigkeiten zum Trotz blieb der Freitagabend ein festes Ritual der Familie Wolff. Gleich, ob englisches Exil oder dauernder Zwist der Eltern, William Wolff erlebte das etwa zweistündige Abendessen zum Beginn des Sabbats stets als harmonisch im zerrissenen Umfeld. Gesungene Segenssprüche, geflochtenes Sabbatbrot, Tischlieder während der Mahlzeit und Tischgebete - für den inzwischen 75 Jahre alten gebürtigen Berliner bleibt dieses Ritual ein ewiger Kraftquell: "Ich bin froh und stolz darauf, als deutscher Jude geboren zu sein", sagt Landesrabbiner William Wolff. "Es ist das schönste Geschenk, das mir das Leben gegeben hat."

Im Judentum spielten die Gesetze und Bräuche eine besondere Rolle, erläutert der Geistliche, der seit kurzem Rabbi der Jüdischen Gemeinde M-V ist. Während im Christentum der Glaube Vorrang genieße, habe die Störung der Sabbatruhe für Juden nicht nur theologische, sondern auch praktische Folgen. War am Sabbat jede Form von Arbeit untersagt, so ist es nun längst nicht ungewöhnlich, dass ein Jude selbst am Wochenfeiertag kocht oder Schuhe putzt. Damit würden jedoch Traditionen durchbrochen, die bereits 2500 Jahre Gültigkeit besitzen, sagt Wolff.

Nun steht der Landesrabbiner vor einer neuen Herausforderung: Die Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern sind mit den jüdischen Traditionen nicht vertraut. Die rund 1300 Juden im Land sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. "Der Kommunismus hat das Judentum völlig vernichtet, Religion und Tradition wurden erstickt", hat Wolff festgestellt. Er wolle Zuwanderern einen Weg zurück ins Judentum eröffnen.

Nicht ohne Stolz verweist Wolff darauf, dass am Jom Kippur, dem Versöhnungstag als einem der höchsten jüdischen Feiertage, immerhin jeweils 70 Juden zu den drei Gottesdiensten erschienen. Der Rabbiner ist aber auch praktisch auf seine Schäfchen zugegangen: Der Gottesdienst wird teils auf Russisch, teils auf Hebräisch abgehalten. Hebräisch sei zwar die Gebetssprache der Synagoge, sagt Wolff, und er sei sich auch sicher, "dass Gott Hebräisch versteht, aber die betenden Menschen verstehen es hier nicht". Im liberalen Judentum sei es durchaus erlaubt, die Gottesdienste in der Landessprache abzuhalten. "Und diese Landessprache ist vorläufig russisch", betont der Landesrabbiner, der täglich selbst drei Stunden russische Grammatik büffelt.

Er räumt ein, dass nur etwa zehn Prozent der Juden am Gemeindeleben teilnehmen. Doch er habe mit Freude die Herausforderung angenommen, diesen Menschen eine religiöse Heimat anzubieten. In der ehemaligen Sowjetunion habe ausgerechnet der Antisemitismus ironischerweise dazu beigetragen, die jüdische Identität der Menschen zu bewahren, aber hier in der offenen Gesellschaft fehle der Druck von außen. "Wie lang werden sich die Zuwanderer als Juden identifizieren?", fragt sich der Landesrabbiner mit Sorge. Jüdische Religion gibt es seit 2500 Jahren, und so ist er überzeugt, sie schmiede "einen festen Bund, um anders, eben jüdisch zu bleiben". Denn er befürchte, dass ein Nicht-Religiöser nach einer Generation die Beziehung zum Judentum verliere und sich in der bestehenden Gesellschaft vollständig angepasst habe. "Ein Diät-Jude aus Anatevka, Hühnersuppe und Klezmermusik reichen nicht", unterstreicht er.

RENATE HEUSCH-LAHL

Ostseezeitung

03.12.2002
Die Jüdische Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern

Rostock (OZ) Der Landesverband der Jüdischen Gemeinde Mecklenburg-Vorpommern zählt zurzeit etwa 1300 Mitglieder. Davon leben rund 700 in Schwerin, 150 in Wismar und 450 in Rostock. Es handelt sich ausnahmslos um Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, die seit 1993 nach Mecklenburg-Vorpommern kamen.

Das religiöse Leben wird durch die in der Thora (fünf Bücher Mose - also die ersten Kapitel des Alten Testaments) enthaltenen und abgeleiteten Gebote bestimmt. Grundlegend sind die Beschneidung, die koscheren Speisegesetze und die Heiligung des Sabbats.

Gottesdienstliches Handeln findet gleichermaßen in der Synagoge und im häuslichen Kreis statt. Der Rabbiner ist kein Priester, seine vornehmste Aufgabe ist die Entscheidung religionsgesetzlicher Fragen.

Ostseezeitung

diskutieren? auf ins Forum!