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02.12.2002
"Diät-Jude reicht nicht": Zurück zur religiösen Heimat - Landesrabbiner will Zuwanderern Weg zum Judentum öffnen

Rostock (ddp) Landesrabbiner William Wolff will den etwa 1300 jüdischen Zuwanderern aus dem Osten einen Weg zurück ins Judentum eröffnen. Gottesdienste hält er teils auf Russisch.

Allen Widrigkeiten zum Trotz blieb der Freitagabend ein festes Ritual der Familie Wolff. Gleich, ob englisches Exil oder dauernder Zwist der Eltern, William Wolff erlebte das etwa zweistündige Abendessen zum Beginn des Sabbats stets als harmonisch im zerrissenen Umfeld. Gesungene Segenssprüche, geflochtenes Sabbatbrot, Tischlieder während der Mahlzeit und Tischgebete - für den inzwischen 75 Jahre alten gebürtigen Berliner bleibt das Ritual ein Kraftquell: "Ich bin froh und stolz, als deutscher Jude geboren zu sein", sagt Landesrabbiner Wolff. "Es ist das schönste Geschenk, das mir das Leben gegeben hat." Wie lässt sich das mit der modernen Familiendiät aus Fernsehen und Mikrowelle zum Essen vereinbaren?

Im Judentum spielten Gesetze und Bräuche eine besondere Rolle, erläutert der Geistliche, der seit kurzem Rabbi der Jüdischen Gemeinde in MV ist. Während im Christentum der Glaube Vorrang genieße, habe die Störung der Sabbatruhe für Juden nicht nur theologische, sondern auch praktische Folgen. War eigentlich am Sabbat jede Form von Arbeit untersagt, so ist es heute längst nicht ungewöhnlich, dass ein Jude selbst am Wochenfeiertag kocht oder Schuhe putzt. Damit würden jedoch Traditionen durchbrochen, die bereits 2500 Jahre Gültigkeit besitzen, sagt Wolff.

Predigten in russischer Sprache

Nun steht der Landesrabbiner vor einer neuen Herausforderung: Die Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in MV sind mit den jüdischen Traditionen nicht vertraut. Die rund 1300 Juden im Land sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. "Der Kommunismus hat das Judentum völlig vernichtet, Religion und Tradition wurden erstickt", hat Wolff festgestellt. Deshalb sieht er seine Aufgabe darin, den Zuwanderern einen Weg zurück ins Judentum zu eröffnen. Am ehesten sei dies mit den Gottesdiensten zum Sabbat möglich.

Nicht ohne Stolz verweist Wolff darauf, dass am Jom Kippur, dem Versöhnungstag als einem der höchsten jüdischen Feiertage, immerhin jeweils 70 Juden zu den drei Gottesdiensten erschienen. Der Rabbiner ist aber auch auf seine Schäfchen zugegangen: Der Gottesdienst wird teils auf Russisch, teils auf Hebräisch abgehalten. Hebräisch sei zwar die Gebetssprache der Synagoge, sagt Wolff. Im liberalen Judentum sei es aber erlaubt, die Gottesdienste in der Landessprache abzuhalten. "Und die ist vorläufig russisch", betont der Landesrabbiner, der täglich drei Stunden russische Grammatik büffelt.

Er räumt ein, dass nur etwa zehn Prozent der Juden am Gemeindeleben teilnehmen. Doch er habe mit Freude die Herausforderung angenommen, diesen Menschen eine religiöse Heimat anzubieten und die jüdische Identität zu stärken. "Ein Diät-Jude aus Anatevka, Hühnersuppe und Klezmermusik reicht nicht", unterstreicht er.

Schweriner Volkszeitung

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