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29.11.2002
Historiker dokumentiert Heinkels dunkle Seite - Karl Heinz Jahnke: Flugzeugbauer war strammer Nationalsozialist

Rostock (OZ) Das Licht der Vernunft ist ein zartes Flämmchen, das angesichts des Grauens, das es nur spärlich zu erhellen vermag, fast zu verlöschen droht: Verrenkte Leiber, schreiende Münder, gequälte Kreaturen. In einem großformatigen Wandbild stellte Pablo Picasso den Schrecken der verheerenden Bombennacht des 26. April 1937 in Guernica dar. Das Bild ist weltberühmt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass ein Großteil der Flugzeuge, die ihre Last über der Stadt ausklinkten, in Rostock gebaut worden war. In den Werken von Ernst Heinkel.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine Äußerung des Rostocker Historikers Karl Heinz Jahnke plausibel: "Ernst Heinkel war kein Mitläufer. Er war ein Träger und Nutznießer der NS-Diktatur. Die Tatsachen sprechen so deutlich." Die Tatsachen - das sind Briefe, Reden und Augenzeugenberichte, die belegen, wie sehr der Rostocker Industrielle mit dem nationalsozialistischen Regime verbandelt war. Die Deutlichkeit, mit der Jahnke seine Feststellung trifft, resultiert aus einem bereits seit August andauernden und mitunter emotional geführten Streit um die Rolle Heinkels unter Hitler.

Anlass für die noch immer andauernde Debatte war eine Ausstellung, die im Rahmen der "Hanse Sail" über die Flugzeugindustrie in Rostock informieren wollte. Die Ausstellungsmacher vom Förderkreis für Luft- und Raumfahrt aus Rostock hatten in ihrer Schau die politische Dimension der Flugzeugwerke zugunsten technologischer Neuerungen zurück gestellt. Mitte August besichtigte Rostocks Kultursenatorin Ida Schillen die Ausstellung und kritisierte heftig den unpolitischen Ansatz. Sie sprach von "Geschichtsfälschung" und ließ die Exponate, die aus dem Besitz der Städtischen Museen stammten, entfernen. Wegen der harten Worte Frau Schillens strengte der Förderkreis ein derzeit anhängiges Gerichtsverfahren gegen die Senatorin an. Die Ausstellung wurde per Bürgerschaftsbeschluss beendet, durfte aber wenige Tage später wieder öffnen.

Die heftige Auseinandersetzung führte dazu, dass die relativ unscheinbare Exposition von mehreren Tausend Menschen besucht wurde und dass ausgedehnte Podiumsdiskussionen zum Thema geführt wurden. Schließlich fühlte sich auch Karl Heinz Jahnke berufen, als Historiker, der Jahrzehnte an der Rostocker Universität lehrte, Stellung zu nehmen. Seine Untersuchungen veröffentlichte diese Woche der Rostocker Ingo Koch Verlag in einem schmalen Bändchen, das am Mittwoch in Rostock vorgestellt wurde. Darin schlägt Jahnke zwei dunkle Kapitel auf: Heinkels innige Verbindung mit der nationalsozialistischen Regierung und der gezielte Einsatz von Zwangsarbeitern.

Die im Band abgedruckten Dokumente sprechen eine deutliche Sprache. Heinkel bemühte sich bereits im Frühjahr 1933 vehement um die Aufnahme in die NSDAP. Schon lange hatte er beste Kontakte insbesondere zu Hermann Göring gepflegt. Nicht zufällig wurde gerade Heinkel später mit Aufträgen förmlich überschüttet. Das Unternehmen expandierte und verfügte 1943 über eine Belegschaft mehr als 18 000 Menschen. 45 Prozent davon waren Ausländer - zum Beispiel Häftlinge aus dem eigens eingerichteten Konzentrationslager Barth. Heinkel selbst, mehrfacher Millionär, pries indessen die verheerende Wirkung seiner Flugzeuge, nicht zuletzt im Spanienkrieg. Er sprach von der "Gnade der Vorsehung, die uns den Führer Adolf Hitler schenkte". "Es verschlägt einem fast die Sprache", sagte ein Rostocker im Anschluss an Jahnkes Vortrag.

Bestürzend an diesen Fakten ist zudem, dass sie schon lange bekannt sind. Andere Tatsachen müssen erst dem Vergessen entrissen werden, stellte Jahnke fest. Die Ausstellungsmacher selbst räumen gewisse Fehler ein, reklamieren aber für sich mangelnde Erfahrung. "Ich bin Techniker", sagt Peter Schubert vom Förderkreis, der darauf verwies, dass Themen wie Regierungstreue und Zwangsarbeiter im Betrieb in der Ausstellung berücksichtigt worden seien. Aber nur sehr am Rande, monieren Kritiker.

Der Zwiespalt bleibt bestehen: Auf der einen Seite erscheint Heinkel als strammer Nationalsozialist, durch dessen Zutun halb Europa verheert wurde. Auf der anderen steht Heinkel als genialer Erfinder, der aus Rostock einen wichtigen Industriestandort machte. Da beides nicht voneinander zu trennen ist, fällt Jahnkes Votum eindeutig aus: Eine Dauerausstellung zum Thema Flugzeugbau ja, ein Heinkel-Museum nein. Was bleibt, ist die Aufgabe, endlich eine Biographie Heinkels fern jeder Idealisierung zu schreiben.

Karl Heinz Jahnke, "Ernst Heinkel und die Stadt Rostock. Eine Dokumentation". Ingo Koch Verlag, 80 Seiten.

Eine Tagung zu Heinkel findet morgen ab 10 Uhr in der Uni Rostock, August-Bebel-Str. 28, statt.

MATTHIAS SCHÜMANN

Ostseezeitung

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