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26.11.2002
Aus der Fremde in die Fremde - Aussiedler in Greifswald erzählen von ihrem Leben zwischen zwei Kulturen
Greifswald (OZ) "Überschallflugzeug. - Wer weiß, was ein Überschallflugzeug ist", fragt Ursula Havemann ihre Schüler. Diese, eifrig wie wissbegierige Kinder, rufen die Antwort in den Raum. Dabei sind sie aus dem Schulalter längst heraus, zwischen 20 und 50 Jahre alt. Seit September ist diese Klasse von Aussiedlern zusammen und lernt jeden Tag von 8 bis 15 Uhr an der Volkshochschule Deutsch. Erstaunlich, was sie alles können. Die kompliziertesten Jahreszahlen sind kein Problem mehr. Sie unterhalten sich über Spitzengeschwindigkeiten, Zeppeline und Pferdeautobusse. Das Thema im Deutschunterricht sind Verkehrsmittel. Der Unterricht ist ein Teil des OWI-Projektes (Ost-West-Integration) an der Volkshochschule. Die Motivation ist groß. Denn ohne Beherrschen der deutschen Sprache geht der sehnlichste Wunsch der Männer und Frauen, hier Arbeit zu finden, nicht in Erfüllung. Sechs Monate dauert der Deutsch-Kurs, daran schließt sich noch einmal ein halbes Jahr Berufsfindungspraktikum im Berufsbildungswerk (BBW) an. Tatyana Teteryuk (26) und Olga Schneider (29) haben sich erkundigt. In ihrem erlernten Beruf als Köchin und Konditorin können sie sich im BBW weiterbilden lassen. "Ein deutsches Zertifikat wäre schön, denn unsere Berufsabschlüsse haben hier keine Gültigkeit", sagt Tatyana. Die beiden sind mit Männern und Kindern aus Kasachstan gekommen. Dort wurden sie, weil die Vorfahren deutscher Abstammung sind, wie Fremde behandelt. "Außerdem hatte nur der eine Chance, der sehr viel Geld hat." Womit sie hier nicht gerechnet haben: "Es ist so schwierig mit den Behörden und den Papieren." Und dass es so kompliziert werden würde, Arbeit zu finden, hatten sie auch nicht geahnt. So geht es auch Jacob und Valentina Preis. Die beiden Mittzwanziger kamen ebenfalls aus Kasachstan. Jacob studierte dort Bergbau und arbeitete in einem Wachdienst. "Doch Geld erhielt ich nur sehr selten." Entwicklungschancen für sich und seine Frau, die als Dispatcherin tätig war, sah er nicht. Nach dem Sprachkurs wünschen sich beide eine Ausbildung in der Computerbranche. Bevor sie mit dem Deutschunterricht anfingen, waren sie vom Sozialamt zur Säuberung von Straßen eingesetzt. Nicht schön, wenn man so hoch qualifiziert ist, aber besser als zu Hause zu sitzen. "In Kasachstan ist ein Mann erst ein Mann, wenn er einen Beruf hat", sagt Jacob. Ähnlich beschreibt auch Ruslan Gerojew die Situation. Der 42-jährige kam mit seiner Frau, die Aussiedlerin ist, nach Deutschland. "Sie spricht schon Deutsch", sagt Ruslan. Allerdings ein altes Deutsch, wie es vor 200 Jahren üblich war, bevor ihre Vorfahren auswanderten. Die Familie von Ruslan Gerojew kommt aus dem Kaukasus. Ihr Dorf lag an der Grenze zu Tschetschenien. "Die Kanonen standen in unserem Dorf." Weil seine Frau Deutsche ist, konnte Ruslan ausreißen vor dem Krieg, für den er keine Notwendigkeit sieht. "Egal, wie es hier auch wird, es ist auf jeden Fall besser als dort." Wenn seine Frau dabei ist, fühlt Ruslan sich einigermaßen sicher, auch wenn er die komplizierten Gänge zu Ämtern und Behörden zu erledigen hat.
"Wer sich an das bürokratische Chaos erinnert, das über die ehemaligen DDR-Bürger mit dem Systemwechsel hereinbrach, kann sich vielleicht vorstellen, wie undurchsichtig das für die Aussiedler ist. Nur sie haben das Ganze noch in einer fremden Sprache zu bewerkstelligen", verdeutlicht die Sozialpädagogin der Volkshochschulklasse, Maria Aulrich. Sie unternimmt mit den Aussiedlern alltägliche Gänge zur Sparkasse oder zu den Versicherungen. Oder sie fährt mit ihnen nach Berlin, Stralsund oder Rügen. Leiterin des OWI-Projektes ist Melitta Vöhringer, die selbst vor sieben Jahren nach Greifswald kam. Ihre Urgroßeltern waren einst aus Stuttgart ausgewandert. Die Eltern wurden 1941 nach Kasachstan deportiert. Bis in ihre Generation, so berichtet Melitta Vöhringer, wurde in der Familie das deutsche Brauchtum gepflegt. Sie studierte Deutsch und arbeitete als Lehrerin. "Dort fühlte ich mich immer als Deutsche", sagt sie. Nun sei sie hier und kämpft dagegen an, dass ihre 2russische Vergangenheit" verschollen geht. In den sieben Jahren hat sie gelernt, sich zurecht zu finden. Und sie hat eine sehr schöne Arbeit. Dennoch. Hier falle sie durch ihren Akzent auf und gelte deshalb als Fremde. 2Wir sind gespalten zwischen beiden Kulturen. Und richtig zu Hause in keiner von beiden."
SILKE ZSCHÄCKEL
Ostseezeitung-Greifswald
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