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23.11.2002
Ein Türke spielt mit Goebbels - Serdar Somuncus Ein-Mann-Show über Nazis, Sprache und Symbole gastierte in Schwerin

Schwerin Er hätte eine Bomberjacke tragen können wie die Rechten oder ein Palästinensertuch wie die Linken. Doch Serdar Somuncu trat am Donnerstagabend bei seiner Ein-Mann-Show über Nazis, Sprache und Symbole im grünen T-Shirt mit der Aufschrift "Grün wirkt" auf. Das hatte ihm kurz zuvor die Grünen-Aktivistin Ulrike Seemann-Katz aus Crivitz geschenkt, zusammen mit dem letzten noch im Lande verbliebenen Joschka-Wahlkampftrikot.
Zum Glück für die Grünen, die Somuncus Tournee über Joseph Goebbels' berühmt berüchtigte Sportpalastrede quer durch Deutschland sponsern, zog der 34-Jährige das Joschka-Shirt nicht über: Mit Verlaub gesagt, es wäre für den Sponsor eine echte Stunde der Idiotie geworden, wenn ein Joseph Goebbels spielen der Türke das Schweriner Publikum mit einem Bild von Joseph Fischer auf der Brust gefragt hätte: "Wollt ihr den totalen Krieg?" In diesem Satz mündete nämlich die Berliner Rede vor 10 000 Zuhörern einst.
Nazi-Größen haben derzeit Konjunktur in Deutschland. Hitler, Goebbels und sogar der fast vergessene "Blutzeuge" Wilhelm Gustloff sind nicht nur Gegenstand historischer Forschung, sondern Bestandteil der Kultur geworden - Theaterstücke wie "Mein Kampf", Fernsehfilme wie "Goebbels und Geduldig", Bücher wie "Im Krebsgang" handeln von ihnen. Und auch der Gedankenmonolog von Serdar Somuncu. Der nutzte die Goebbels-Rede vom 18. Februar 1943 als Spielmaterial, hangelte sich am historischen Text entlang, steigerte sich vortrefflich in die Gestik, Intonation und das Sprechtempo des obersten Nazi-Propagandisten hinein, als er zu zitieren begann, entlarvte aber nicht nur die Demagogie von Begriffen und Schlagworten der Nazi-Ideologie, sondern riss völlig unverkrampft respektlose Witze, die politisch absolut unkorrekt waren. Bravo - das würde sich wohl kein Deutscher trauen!
Der Türke machte sich lustig. Nicht über Hitler und Goebbels, die Somuncu von ihrer mythischen Aura befreite, indem er sie beim Wort nahm. Vor allem galt sein Hohn aber den Verharmlosern, dem deutschen Zeitgeist, "der ein bisschen Tee trinkt gegen Rechts und ein bisschen furtzt gegen Rechts" und sowieso "alle Nazis im Osten" vermutet. Michaela Christen

Schweriner Volkszeitung

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