|
14.11.2002
"Mit Antisemitismus hat das nichts zu tun" - Schweriner Anwohner wollen keinen belebten jüdischen Friedhof
Schwerin (OZ) Er sieht so friedlich aus: Der alte jüdische Friedhof im Zentrum von Schwerin. Eine Grünfläche mit einer 100 Jahre alten Leichenhalle darauf - im Fenster der Davidsstern. Trotzdem gibt es Streit. Die Nachbarn wollen hier keine Beerdigungen mehr haben.
"Wieso sollten wir nicht unsere Toten hier bestatten?" Valery Bonimow (54), Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Schwerin, kann nur den Kopf schütteln. Schließlich hatte die Stadt neue Bestattungen sogar ausdrücklich erlaubt. Dann aber klagte eine Anwohnerin. Und jetzt gab ihr das Verwaltungsgericht auch noch Recht.
Was haben die Nachbarn gegen die Gräber? Klägerin Dr. Barbara D. (50) kann es ganz genau sagen: "Wer will schon auf dem Balkon Kaffee trinken, wenn eine Beerdigung stattfindet? Wir wohnen ja direkt am Friedhofszaun!"
Werden auf dem Friedhof wieder Tote bestattet, befürchtet sie außerdem gesundheitliche Beeinträchtigungen. "Der Friedhof liegt auf einem Hügel, wenn es regnet läuft das Leichenwasser den Hang runter, direkt in unsere Beete." Und: Jahrzehntelang wurde die Anlage nicht genutzt, sie war als Grünfläche ausgewiesen. "Die jüdischen Bestattungen können doch auf dem städtischen Friedhof stattfinden. Da ist schließlich eigens ein Areal dafür vorgesehen", argumentiert die Klägerin.
"Stimmt", sagt Valery Bonimow. "Aber auf dem alten Friedhof ist nunmal unsere Leichenhalle. Und die wollen wir nutzen. Ein Neubau wäre zu teuer."
Unterstützung bekommt die 750 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde Schwerins von der Stadt. "Was die Klägerin behauptet, stimmt nicht", sagt Stadt-Experte Hartmut Wollenteit. "Wir haben wegen der Wasserverhältnisse eigens ein Gutachten eingeholt. Das Gericht hat sich einfach darüber hinweggesetzt." Eine Wertminderung der Grundstücke kann Wollenteit schon gar nicht erkennen: "Die Nutzung als Friedhof gibt den Anwohnern die Garantie, dass das Grundstück nicht bebaut wird. Was Besseres kann denen doch gar nicht passieren."
Die Stadt werde gegen die Gerichtsentscheidung Berufung einlegen. "Das Urteil können wir so nicht akzeptieren."
Die Aussichten auf eine gütliche Einigung in dem nun schon fünf Jahre dauernden Streit sind gering. Der Kompromissvorschlag, als Abgrenzung zwischen Friedhof und Häusern eine Hecke und Apfelbäume zu pflanzen, stößt bei den Anwohnern auf wenig Gegenliebe.
"Dann hat meine Kellerwohnung ja gar kein Licht mehr", sorgt sich Rentner Wolfgang Clausner (74). Er kann verstehen, dass die Wohnungseigentümer die Neueinweihung der Gräberanlage als Wertminderung auffassen. "Mir als Mieter ist das egal", fügt er hinzu.
In einem Punkt aber sind sich alle einig. "Mit Antisemitismus hat das alles nichts zu tun", stellt Clausner fest. Darauf legen er und die Nachbarn Wert.
M. STÖCKLIN
Ostseezeitung
|