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09.11.2002
Stolpern über Vergangenheit - Reichspogromnacht vor 64 Jahren war Fanal des Holocaust

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in Deutschland 267 Synagogen. Mecklenburg-Vorpommern erinnert an die Vernichtung jüdischen Lebens

OZ-Bild Rostock (OZ) Betriebsamkeit an der Straßenbahnhaltestelle vor dem Rostocker Rathaus. Menschen hasten von und zur Bahn. Nur manchmal bleibt jemand stehen, schaut verdutzt auf die Platte im Bürgersteig. "Richard Siegmann - Verhungert im KZ Theresienstadt" steht darauf.

Stolpern über ein Stück deutscher Geschichte. Sechs solcher Platten sind auf Initiative des Rostocker Max-Samuel-Hauses - Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur seit Juni 2002 verlegt worden. 80 werden es einmal sein. Sie erinnern an namentlich bekannte Opfer des Rassenwahns während des Nationalsozialismus in der Hansestadt. Kleine Dolomitplatten, die die Wege des alten jüdischen Quartiers markieren. Finanziert werden die jeweils rund 500 Euro teuren Steine aus privaten Spenden. Ein im Land einmaliges Projekt, das es in ähnlicher Art auch in Berlin, Köln und Hamburg gibt. Konfrontation mit der Vergangenheit.

Von ehemals 1000 Mitgliedern der jüdischen Landesgemeinde überlebten nur wenige das Dritte Reich, das mit der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November sein Fanal fand. "Morgens gegen zehn Uhr drangen etwa 50 SS-Burschen in unser Haus in der Graf-Schack-Straße ein und begannen alles zu demolieren", erinnerte sich Carmelita Josephy an jenen 10. November 1938. Den Tag, als die Rostocker Synagoge brannte und jüdische Wohnungen und Geschäfte geplündert wurden. "Die Möbel wurden zerhauen oder angesägt. Im Salon flogen die Sessel durch das Blumenfenster. Teppiche wurden eingeschnitten, sämtliche Gardinen und Vorhänge herunter gerissen. Fast alles, was durch die Fenster flog, wurde von den Passanten gestohlen. Ein großer Teil der Bibliothek wurde ein Raub der Menschen."

Carmelita Josephy, deren Erinnerungen in der Broschüre "Zwischen Emanzipation und Vernichtung" der Rostocker Historiker Frank Schröder und Ingrid Ehlers festgehalten sind, war die deutsche Ehefrau des jüdischen Rostocker Rechtsanwaltes Richard Josephy. Nach der Zerstörung ihres Hauses fand sie kaum eine Hilfe. Ihren Mann hatte die Gestapo in der Nacht des Grauens, die die Nazis "Reichskristallnacht" nannten, festgenommen. Wie 64 andere jüdische Männer aus Rostock und rund 30 000 Juden im ganzen Reich.

SA- und SS-Trupps hatten zuvor das jüdische Gotteshaus angezündet, wie in zahllosen anderen Städten Deutschlands. Insgesamt wurden 267 Synagogen Opfer der Flammen, rund 2000 Synagogen zerstört. So wie in Rostock, Stralsund, Anklam, Torgelow oder in Schwerin, wo die Juden ihre Synagoge selbst abreißen mussten, weil das Feuer die angrenzenden Gebäude zerstört hätte.

Das Pogrom war Hitlers Strafaktion für das Attentat am 7. November in Paris, bei dem der 17- jährige Jude Herschel Grünspan den deutschen Botschaftssekretär E. vom Rath erschossen hatte. Das endgültige Aus auch für die Juden im Norden Deutschlands.

Von den einst fest in die Gesellschaft integrierten Männern und Frauen jüdischen Glaubens in M-V mussten viele in letzter Sekunde flüchten und das Land verlassen. 232 mussten den Weg in die Konzentrationslager Auschwitz und Theresienstadt antreten, wo sie vergast wurden oder an Hunger und Krankheiten starben. Wie Richard Siegmann, der langjährige Generaldirektor der Rostocker Straßenbahn AG, an den die Platte an der Haltestelle erinnert. Er war 1935 von dem Unternehmen fristlos entlassen worden, weil er Jude war.

"Erinnern heißt, die Geschichte und die eigene Verantwortung nicht vergessen. Erinnern heißt aber auch, die Seele für die Zukunft zu öffnen", ist der neue Landesrabbiner der Juden von M-V, William Wolff, überzeugt. Der 75-Jährige ist das geistliche Oberhaupt von rund 1200 inzwischen wieder neu angesiedelten Juden. Er will Verständigung für ein Miteinander jüdischer und nichtjüdischer Bürger im Land schaffen. Dazu gehöre auch, dass Menschen sich begegnen und einander kennenlernen.

Die Rostocker Stolpersteine können ein Anlass sein für das Nachdenken über eine gemeinsame Zukunft, hofft Frank Schröder vom Max-Samuel- Haus.

Ostseezeitung

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