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21.10.2002
Neubrandenburg erlebt wieder schwarzen Tag - "Linke" Chaoten machen Protest unmöglich
Neubrandenburg. Er beginnt scheinbar ganz normal, dieser Sonnabend in Neubrandenburg. Familien machen sich auf zu ihrem Wochenendeinkauf, Gäste bestaunen die prächtigen mittelalterlichen Wehranlagen.
Und doch, eigentlich ist nichts so, wie es immer ist. Denn Dutzende Polizeifahrzeuge am Engelsring, Wasserwerfer und schweres Räumgerät auf dem Bahnhofsvorplatz lassen erste Ahnungen von einem schlimmen Tag aufkommen. Am späten Abend sind selbst die bösesten Ahnungen von der Wirklichkeit eingeholt worden: Neubrandenburg hat einen schwarzen Tag erlebt, den dritten innerhalb von nur 14 Monaten.
Quadratur des Kreises
Zum dritten Mal ist es - teilweise noch halbwüchsigen - Neonazis gelungen, die Viertorestadt als ihr Aufmarschgebiet zu missbrauchen. 360 Rechtsextremisten des so genannten "Kameradschaftsbundes Usedom" hatten mit höchstrichterlicher Schützenhilfe (!) eine Demonstration
in der Stadt durchsetzen können, die nicht die ihre ist. Es war eine Demonstra- tion, wie gestern bereits ein Leser an den Nordkurier schrieb, "von Kräften, die nichts mit Neubrandenburg zu tun haben und mit denen Neubrandenburg nichts zu tun haben will".
Aber nicht die Neonazis sind es, die den Leitenden Polizeidirektor Manfred Dachner zwingen, über die Quadratur des Kreises nachzudenken. Dachner muss - das verlangt das Gesetz von ihm - als Einsatzführer von über 700 Beamten von Polizei und Bundesgrenzschutz den braunen Marschierern den genehmigten Weg durch die Stadt freihalten. Andererseits will er sich aber auch nicht friedlichen Gegendemonstranten in den Weg stellen. Gut 500 haben sich eingefunden, um ihren Unmut gegen den "Marsch auf Neubrandenburg" zu bekunden.
Nur, und damit beginnt der Tag wirklich ein schwarzer zu werden, von friedlichem Protest kann schon wenige Minuten nach Veranstaltungsbeginn keine Rede mehr sein. Pflastersteine und Gehwegplatten prasseln auf die Polizisten - und völlig unbeteiligte Zivilisten - nieder, Mülltonnen werden auf die Straße geschmissen, fünf Polizeifahrzeuge und noch mehr Privatautos zum Teil schwer beschädigt. Angesichts dieser Gewaltausbrüche nehmen sich die verbalen Entgleisungen der so genannten "Linken" noch eher harmlos an. Von "schwulen Polizistenschweinen" ist da die Rede, von "Faschisten in Uniform".
Tränen vor dem Rathaus
Bei näherem Hinschauen verlässt manch ein Protestierer den Block
der Gegendemonstranten. Zurück bleiben vor allem gut 150 Billigbier in sich hineinkippende und dann gezielt mit den leeren Flaschen auf die Polizisten werfende Chaoten. Und es bleiben einige örtliche PDS- und Gewerkschaftsgrößen.
Sehr zum Unmut von Mitgliedern des Neubrandenburger Präventionsrates. Denn, wie etwa Pastor Matthias Borchert müssen auch andere Beobachter erkennen, dass dieser Personenkreis völlig außerstande ist, etwa deeskalierend zu wirken. Ganz im Gegenteil, in der ersten Reihe der Sitzblockade in der Clara-Zetkin-Straße sitzt auch Gerd Walther, der für die PDS frisch in den Landtag gerutschte Abgeordnete aus dem Landkreis Uecker-Randow. Um ihn herum wird getrunken und krakeelt, wird provoziert. Den kinder- und jugendpolitischen Sprecher seiner Fraktion scheint das nicht zu stören - er bleibt sitzen und macht sich damit, nimmt man das Gesetz beim Namen, strafbar. Aber vielleicht soll das ja auch eine Form von offener Jugendarbeit sein, die von der PDS bekanntlich favorisiert wird.
Vor dem Neubrandenburger Rathaus dann fließen echte, ehrlich gemeinte Tränen - von alteingesessenen Neubrandenburgern nämlich. Ohnmächtig und wütend gleichermaßen müssen sie mit ansehen, wie sich der Naziauflauf auf den Stufen ihres Rathauses zum Gruppenbild aufstellt. Da ist kein Oberbürgermeister, der von seinem Hausrecht hätte Gebrauch machen und eine solche Missachtung der Demokratie hätte verhindern können. Paul Krüger (CDU) ist im Urlaub und der Rest der Stadtverwaltung weitgehend abgetaucht.
Und so hören sie denn wohl auch nicht, wie die fremden Nazis vom Rathaus aus die Viertorestadt zur "national befreiten Zone" erklären, in der man schon mehrfach gewesen sei und in die man bald wieder zurückkehren werde. Und sie registrieren wohl auch nicht, wie die rechten Redner Israel als einen "faschistischen Staat" bezeichnen und fordern, die Bundeswehr möge Soldaten in den Irak entsenden zum Schutze von Saddam Hussein.
All das und noch viel mehr ist an diesem Sonnabend in Neubrandenburg möglich. Und Frau und Herr Biedermann haben zugesehen - mit einem Kissen auf der Fensterbank und einer Büchse Bier in der Hand.
Nordkurier
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21.10.2002
Kommentar: Mit fatalen Folgen
Ausschreitungen bei Neonazi-Demo. Sie kamen von sonstwo her und hatten eigentlich hier nichts zu suchen. Das mecklenburgische Neubrandenburg scheint von Rechtsradikalen auserkoren, um hier einen Marsch nach dem anderen abzuhalten. Nein, die braune Veranstaltung wurde nicht von Hiesigen angemeldet - die schwarzen Marschierer kamen aus Vorpommern, ihre Frontmänner sogar aus Westfalen.
Und die, denen ein solcher Auftritt - der dritte binnen 14 Monaten in der Viertorestadt - zuwider ist, hatten mit ihrem ehrlichen Protest wieder einmal keine Chance. Denn auch auf der Gegenseite führten "Fremde" den Ton an. Aus Berlin waren sie angereist, aus Brandenburg und Hamburg. Die so genannten linken Autonomen mit reichlich Alkohol, Schlagringen und Rauschgift im Gepäck machten mit ihrer menschenverachtenden Gewalt jegliche Form des friedlichen Protestes zunichte. Suff, Randale und "Fascho- Klatschen" war angesagt und wurde denn auch praktiziert. Für jene, die verständlicherweise und Gott sei Dank gekommen waren, um den Rechten zu zeigen, dass sie hier nichts zu suchen haben, blieben nur bittere Tränen der Ohnmacht und der Wut.
Und die Möchtern-Nazis selbst? Die gaben den "anständigen" Deutschen. In ihrem Block wurde nicht geraucht, nicht getrunken, Aufforderungen der Polizei folgte man stehenden Fußes. Womit wieder einmal das Ziel erreicht wurde: Schaut sie Euch an, die Protestler hieß es aus den rechten Reihen. Seht, wie sie Eure Polizisten traktieren.
Diesmal war es Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern. Vielleicht sogar mit Bedacht gewählt. Betrachtet man nämlich die hiesige Politik der rot-roten Regierung in Schwerin und die laufenden Koalitionsverhandlungen, könnte man den Eindruck gewinnen, dass man das rechtsradikale Spektrum zwar ganz gut im Griff hat, das linksradikale aber eher unbeachtet agieren lässt. Mit fatalen Folgen, wie es am Sonnabend in der Viertorestadt ganz deutlich wurde.
Nordkurier
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